Tobias Neuber: “Bei uns im Abfahrtsport entscheidet eine Millisekunde. Wenn bei 120km/h die Kante greift, kann man nicht reagieren.”

Louisa

Angefangen hat für Tobias Neuber alles damit, dass seine große Schwester einen Skikurs machte. Er selbst war damals erst zweieinhalb Jahre alt. “Ich war so quengelig, weil meine Schwester einen Skikurs macht, und ich nur blöd rumstehe”, erzählt Tobias. Die Quengelei hatte Erfolg, er durfte bei einem Kurs für Dreijährige mitfahren. “Es war schon relativ früh klar, meinte mein Papa, dass ich nicht so der Fan von Kurven bin”, erzählt Tobias weiter. “Ich bin damals schon viel immer nur geradeaus den Berg runtergeschossen.” Den ganzen Tag hat er so am Hang verbracht. “Mein Vater hat mich kaum von den Ski runtergebracht. Das war ein riesiges Drama.” 

Die Berge vor der Haustür waren ein ausschlaggebender Grund für den Verlauf seiner weiteren Karriere. Fünf Minuten weg von zu Hause ein Skilift und zu den Skigebieten in Österreich kaum eine halbe Stunde Fahrtzeit. “Im Allgäu fährt man einfach Ski.” 

“Es gibt ein Bild aus dem Kindergarten. Da sollte man zeichnen, was man später werden will. Bei mir war es entweder Fußballer oder Skifahrer. Dann habe ich mich für Skifahren entschieden.”

Mit 14 Jahren wechselte er nach Berchtesgaden ins Sportinternat. “Der Schritt von der Familie weg war damals glaube ich zum richtigen Zeitpunkt. Meine Eltern haben sich getrennt. Ein bisschen weg von zu Hause sein, hat vermutlich gar nicht geschadet. Ich hatte am Anfang klar Heimweh, aber ich hatte so eine coole Truppe.” Es war wohl der wichtigste Schritt seiner Karriere. “Der Alltag hat sich komplett gedreht. Früher war alles richtig stressig. Von der Schule abgeholt werden, zum Training fahren und so weiter. Im Internat ist die Schule fünf Minuten weg, der Kraftraum direkt gegenüber und das Skitraining zehn Minuten von der Schule entfernt. Man konnte den ganzen Tag dem Sport widmen und ist nebenher zur Schule gegangen. Das wird kein Lehrer gerne hören, wird aber jeder Schüler bestätigen. Ich bin nicht aufs Sportinternat gegangen, um besser in der Schule zu werden, sondern um meinen Sport und die Schule vereinen zu können.”

Aber so ganz vernachlässigt wurde die Schule nicht. Im Gegenteil. “Ohne die Unterstützung vom Internat hätte ich vermutlich nie mein Abitur neben dem Sport bestanden. Ich war immer etwas lernfaul. Ich würde es jedem jungen Menschen empfehlen, der das Ziel hat, weiter zu kommen. Man kann sich nie so auf Sport und Schule konzentrieren, wie in so einer Einrichtung.”

Heute ist Tobias in der Sportfördergruppe der Bundeswehr. “Wir hatten in unserem Abschlussjahr gute Möglichkeiten uns zu informieren. Als es Richtung Abitur ging, hat man sich die verschiedenen Bereiche mit Polizei, Zoll und Bundeswehr mal angeschaut. Für mich war schnell klar, dass ich zur Sportfördergruppe wollte, weil ich nebenher ein Fernstudium machen will. Das ist da ideal.”

Foto: Solowattagio

Seit April 2020 ist der 19-Jährige in der zweithöchsten Mannschaft im deutschen Skiverband und damit der jüngste Deutsche in seiner Liga, dem Europacup. “Am Anfang war ich etwas zurückhaltend. Aber ich darf schon länger mit der Mannschaft mitfahren, kenne die Älteren und hab mich deshalb daran gewöhnt, der Jüngste zu sein. Wir haben eine mega nette Truppe vom Betreuer über die Physiotherapeuten bis zu den Athleten. Ich glaube es profitieren beide Seiten davon. Ich kann mir als Jüngster von den Älteren viel abschauen von der Erfahrung. Außerdem denke ich es ist auch für die Älteren gut, wenn ein Junger da ist, der ihnen einen Ansporn gibt. Die wissen, dass sie besser sind als ich, aber können sich nicht darauf ausruhen, weil sie sich nicht von einem kleinen 19 Jährigen runterfahren lassen wollen.”

Sein Sport ist das Speedfahren. Während es beim Slalom mehr um die Technik geht, ist seine Leidenschaft die Geschwindigkeit. Leider bringt eine hohe Geschwindigkeit auch ein hohes Verletzungsrisiko mit sich. “Klar, jeder der einen Abfahrtsport betreibt oder sich darüber informiert weiß, dass das Risiko bei uns enorm hoch ist und ein Sturz eine Verletzung mit sich zieht. Ich war eigentlich immer der, der bei dem was er gemacht hat geschafft hat, das Hirn auszuschalten. Das hat nicht immer Vorteile. Deswegen habe ich in meiner Kindheit und Jugend viel Zeit im Krankenhaus verbracht mit Knochenbrüchen, Bänderrissen… ich hatte immer ein Talent dafür.” 

Und dieses “Talent” hat ihn leider auch im letzten Jahr nicht verschont gelassen. “Ich habe mich 2019 ziemlich schwer verletzt. Ich hatte einen Sturz und habe mir die Schulter komplett zerlegt.” Eine aufwendige Operation folgte, bei der kaum etwas in seiner Schulter unberührt blieb. “Angst hatte ich danach aber nie. Ich bin nach meinem Sturz nochmal für mich durchgegangen, was ich falsch gemacht habe. Es ist aber nicht so, dass ich danach beim Skifahren immer denke “Oh, das darf ich auf keinen Fall wieder falsch machen!” Ausblenden kann man es natürlich nicht immer komplett. Wenn man am Start steht und die Funksprüche hört, “Startnummer XY gestürzt”, dann weiß man, was abläuft. Manchmal fragt man sich, “Ist es wegen der Piste, oder war es ein Fahrfehler?”

Die schweren Verletzungen gehören für Tobias dazu. “Das ist bei jedem Sport so. Sei es Fußball, Handball, Skifahren. Man geht immer ans Limit. Mit 90 Prozent wird man nie erreichen, was man sich vorgenommen hat. Und bei 100 Prozent ist der Grad für “zu viel” schnell da. Bei uns im Abfahrtsport ist eine Millisekunde entscheidend. Wenn die Kante greift bei 120km/h, dann macht man einfach nichts mehr. Man kann nicht reagieren. Man hat entweder Glück, oder man fliegt mit 120 durch die Torstange und hofft, dass der Airbag, den wir anhaben, aufgeht, oder dass man günstig fliegt.” 

Enorme Geschwindigkeiten nehmen die Abfahrtsfahrer wie Tobias Neuber hier auf/Foto: Jan-Arne Pettersen


Nach seiner Verletzung 2019 hat sich für Tobias so gut wie alles geändert. “Ich war damals noch 18 und grad mit der Schule fertig. Die erste Saison nach der Schule. Man freut sich auf das was kommt. Es lief auch super, ich hatte bis dahin meine beste Saison. Und am Ende der Saison macht man einen Fahrfehler, ein kurzer Moment unachtsam und dann ist dir gleich bewusst: das war's.” Die schwere Operation wurde mehrmals verschoben. “Da geht’s dann los. Von einem Tag auf den anderen hockt man daheim. Man hat schlechte Laune und will Skifahren. Die Kollegen haben Erfolge, man freut sich, aber denkt: “Ich könnte da jetzt auch sein. Wie wäre es bei mir gelaufen?” Und es wird nicht besser mit der Zeit.” Nach der Operation ging es für Tobias sehr schnell. Drei Tage später war er wieder in seiner Wohnung in Berchtesgaden. “Ich hatte eine richtige Downphase. Bin aufgestanden, hatte schlechte Laune, keine Bock.” 

Die Ärzte meinten es sei nicht sicher, wie sich seine Schulter nach der Operation erholen würde. “Keiner konnte sagen, wie lange es dauert, wie es klappt. Je länger es dauerte, desto länger kam ich ins grübeln. Irgendwann kam ein Punkt, da dachte ich mir, es muss sich was ändern. Es gab nur Sport und Reha.” So setzte er sich mit seinem Trainer zusammen. “Ich will heim ins Allgäu, zu meiner Familie und Freunden.” Nicht ganz einfach, denn die Speedgruppe und der Trainer haben ihren Sitz in Berchtesgaden. Doch der Trainer erkannte Tobias’ Notlage, machte ein paar Anrufe und damit den Wechsel möglich. “Ich habe in Oberstdorf mit der Technikgruppe trainiert und die Reha in Oberstdorf machen können. Anfangs war ich etwas skeptisch, aber im Nachhinein war es das Beste, was ich hätte machen können. Von Woche zu Woche wurde ich glücklicher, hatte wieder Motivation.”

Von da an ging es wieder stetig bergauf. Die Schulter besserte sich mehr als gedacht. Die Bewegung nach außen gehe nie wieder, hieß es. Und dann ging es nach wenigen Wochen doch. Im Dezember könne er frühestens wieder auf Skiern stehen, hieß es. Aber Tobias stand schon im Oktober wieder auf den Brettern, die für ihn die Welt bedeuten. “Es macht viel der Kopf aus. Deswegen bin ich davon überzeugt, dass man immer auf sich selber hören muss. Nicht nur das machen, was von einem erwartet wird, sondern schauen, was ist das beste für einen selbst.” Für Tobias war es der Wechsel ins Allgäu, zu seiner Familie.

An seine erste Abfahrt nach der Operation kann er sich noch gut erinnern. “Ich habe mich gefreut wie ein kleiner Junge, nach so langer Zeit wieder Skischuhe anzuziehen. Jetzt hat sich alles gelohnt. Ich stand oben am Hang und sollte einfach zwei Fahrten für mich machen, fürs Gefühl und ich sollte nichts übertreiben. Aber ich war eben schon immer der Harakirifahrer. Drei Schwünge fuhr ich normal, aber ich habe mich direkt wohl gefühlt und habe mich dann schnell wieder an mein gewohnten Fahrstil herangetraut. Ich hatte von Anfang an wieder Spaß beim Skifahren. Davor hatte ich nur Techniktraining. Das war das schlimmste für mich: einen Monat lang langsam Ski fahren.”

Ab November ging es für Tobias nach Schweden ins Trainingslager. Im Dezember waren die ersten Rennen. Er hatte also nur einen Monat Zeit zur Vorbereitung. Normalerweise beginnt das Training bereits im Juli oder August. “Ich war dieses Jahr enorm entspannt im Kopf. Das Mentale hat gepasst und das Körperliche auch. Ich konnte an vielen Baustellen arbeiten, in der Zeit in der ich nichts mit der Schulter und dem Oberkörper machen konnte. Ich habe eine für mich überraschend gute Saison gefahren - mit Abstand die besten Ergebnisse und konnte erste Europacup-Punkte sammeln. Von den Nachwuchsfahrern war ich der einzige, der es geschafft hat, in die Top30 und damit in die Punktewertung zu kommen.” Das war in Frankreich. “Ein besonderer Moment in meiner Karriere, weil ich nach meiner Verletzung lange nicht wusste, ob es mit dem Sport überhaupt weitergeht oder nicht.” 

2020 nahm Tobias bei der Juniorenweltmeisterschaft in Norwegen teil. Im Training sah es richtig gut aus. Einmal Platz 14, einmal Platz 9. “Aber im Rennen dann kurz vor dem Ziel mit einer guten Zeit und top Speed, hat es mir den Ski verrissen. Mit 120 km/h bin ich ins Tor geflogen. Ich habe mich zum Glück nicht verletzt, aber bin ausgeschieden. Bitter. Es wäre ein gutes Ergebnis geworden.” Dabei kam das ganz überraschend. “Keiner hat damit gerechnet, dass es dieses Jahr so gut läuft für mich. Ich bin in die Saison und hatte nach meiner Verletzung keine Erwartungen. Ich wollte nur Spaß haben und gesund bleiben. Das hat gut funktioniert. Für die nächste Saison möchte ich mir das beibehalten. Keinen Druck machen und die Leichtigkeit bewahren. Als Jüngster habe ich auch am wenigsten Druck.”


Tobias hat bereits früh sein zuhause verlassen für seinen Sport. Er hat klare Ziele. /Foto: Paul Schmidt Paulfoto

Ausschlaggebend für den Erfolg nach der schweren Verletzung war der Wechsel ins Allgäu, ist sich Tobias sicher. Das neue Umfeld und die Familie samt Freunde sind wichtig, weil sie auch mal vom Sport ablenken. 

Mit der Corona-Krise sind nun erstmal alle Pläne über den Haufen geworfen. Aber seine Ziele sind klar. “Ich möchte mich im Europacup als einer der Jüngsten in die Top30 etablieren, und zwar konstant. Ich bin auch fest überzeugt, dass das klappt. Das große Ziel in den nächsten Jahren ist dann der Weltcup.”

Foto Startseite: @solowattagio