Lena Lotzen: “Früher war es immer nur Vollgas."

Lena Lotzen: “Früher war es immer nur Vollgas."

Fußball hat eine besondere Rolle im deutschen Sport. Während das ganze Jahr mit den Teams gefiebert wird, bieten die Welt- und Europameisterschaften alle paar Jahre den Deutschen eine Chance, als Nation zusammenzukommen und anzufeuern. Und das bezieht sich auch schon lange nicht mehr nur auf die Männerteams, die Frauenfußball-Welt hat in den letzten Jahren ihren eigenen Platz im Auge der Öffentlichkeit gewonnen.

Lena Lotzen ist einer der Stars dieser Welt und das seit sie sechzehn Jahre alt war. Sie erzählt uns, wie ihre Karriere in Gang gekommen ist, und wie sie sich bisher durch die Hochs und Tiefs dieser Karriere gekämpft hat.

“Mein Erfolg hat sich für mich eigentlich immer so Stück für Stück entwickelt, ich habe früh das Fußballspielen angefangen. Aber für mich war damals noch nicht das große Ziel: ‘Ich möchte in der Nationalmannschaft spielen oder in der Bundesliga,’ ich habe einfach immer so jeden Schritt, jede weitere Nominierung die kam mitgenommen. Klar, irgendwann ist man dann da drin und möchte natürlich auch wieder bei dem nächsten Lehrgang und dem nächsten Turnier dabei sein, bei jedem Spiel spielen. Das entwickelt sich natürlich und später kommen dann die Ziele dazu.”

Trotz einem nicht direkt auf Leistung fokussierten Start, erlebte Lena schon bald Resultate. Ihre Karriere fing an Früchte zu tragen, als sie bereits im sehr jungen Alter eine Aufnahme in den Kader des FC Bayern erlebte. Das hieß jedoch auch, dass sie umziehen musste, was natürlich ihr junges Leben erstmal schwerwiegend umkrempelte.

“Der Schritt zu Bayern hat natürlich meinen Alltag sehr verändert, davor habe ich zu Hause mit meinen Eltern gewohnt, mit meinem Bruder zusammen. Da wurde wie für die meisten Kinder eben alles für einen gemacht, gewaschen, gekocht. In München war ich natürlich sehr schnell auf mich alleine gestellt, ich hatte zwar in dem Studentenwohnheim, in dem ich wohnte, Essen dabei, aber das war etwas schwer mit der Schule zu koordinieren. Ich bin eigentlich früh morgens aus dem Studentenwohnheim in die Schule. Dann ins Training, spät nach Hause kommen und dann noch Hausaufgaben. Das war schon eine sehr große Umstellung und ist mir natürlich erstmal auch nicht leicht gefallen.

Doch der harte Alltag zahlte sich aus. Nach nur sehr kurzer Zeit, zwei Jahren, war Lena bereits ein Sprung gelungen, den viele ihr ganzes Leben nicht schaffen, die Aufnahme in die A-Nationalmannschaft. Alle Jugend- und Junioren-Teams hatte Lena bereits erfolgreich durchlaufen. 

“Ich war mit 16 in der Bundesliga und mit 18 habe ich mein Debüt in der Frauen Nationalmannschaft gegeben. Das war cool. Wir hatten in München eine relativ junge Mannschaft, das heißt da waren noch andere Spielerinnen in meinem Alter, vielleicht ein paar Jahre älter, aber ich habe mich dort nicht als ganz so junge Spielerin empfunden. In der Nationalmannschaft war es dann ein bisschen anders. Da war ich schon eine der jüngeren. Das war natürlich am Anfang nicht so leicht, wenn man sich erstmal als junge Spielerin durchsetzen muss. Man hat noch nicht den Stellenwert, man muss sich erstmal beweisen. Aber im Nachhinein hat mir das glaube ich sehr viel gegeben und ich konnte von den älteren Spielerinnen noch viel lernen. Es war eine lehrreiche und interessante Zeit, würde ich rückblickend sagen.”

Die Erfolgskurve war damit auch lange noch nicht beendet. Doch neben einem großen Sieg mit dem Nationalteam nennt Lena auch persönliche Erfolge außerhalb des Sports unter ihren größten Erfolgen.

Lena stand unter anderem bei der EM 2013 für die Deutsche Frauen Nationalmannschaft auf dem Platz / Foto: Beppo Lotzen
Lena stand unter anderem bei der EM 2013 für die Deutsche Frauen Nationalmannschaft auf dem Platz / Foto: Beppo Lotzen
“Für mich war der größte Erfolg der Gewinn der Europameisterschaft 2013 in Schweden mit der A-Nationalmannschaft. Aus Vereinsperspektive waren es die zwei deutschen Meisterschaften und der DFB-Pokalsieg. Aber worauf ich auch stolz bin ist, dass ich alleine, weg von zu Hause, meine Schule geschafft habe, mein Abitur machen konnte, mein Studium abgeschlossen habe und mich auch aus meinen Verletzungen wieder rauskämpfen konnte. Ich bin da nicht alleine herausgekommen, ich hatte auch viel Unterstützung von Freunden und Familie, aber irgendwo denke ich, war es auch mein eigener Ehrgeiz, meine eigene Motivation zurückzukommen und wieder Fußball spielen zu können, und darauf bin ich auch sehr stolz.”

Bei ihren Verletzungen handelt es sich um eine Aneinanderreihung von Kreuzbandrissen und anderen Verletzungen, die Lena für vier Jahre mit kurzen Unterbrechungen vom Spielfeld ferngehalten haben. Diese lange und ungewisse Zeit war für die ambitionierte Spielerin alles andere als einfach zu überstehen. Doch sie hatte die Hoffnung nicht aufgegeben.

“Die 4 Jahre Verletzungszeit habe ich überstanden, indem ich eigentlich immer irgendwie die Hoffnung hatte, es nochmal auf den Fußballplatz zu schaffen. Und wie schon gesagt, hatte ich auch eine Familie, Eltern, Freunde, die mich extrem dabei unterstützt haben. Sie haben mir nie Druck gemacht, dass ich wieder auf den Fußballplatz muss, sondern mir Wege aufgezeigt, falls es nicht mehr mit dem Fußball klappen sollte. Das hat mir dann auch den Druck genommen. Aber klar hat die Zeit auch mental an mir genagt, und man macht sich Gedanken. Man sieht alle anderen auf dem Platz stehen und man selbst kann nicht dabei sein. Man hofft von einer OP oder Reha zur nächsten, dass es endlich was wird. Dann klappt es, dann wird es wieder schlechter, oder man verletzt sich wieder. Das war natürlich wirklich schwierig.
Ich hatte aber auch Freunde, die schon ähnliche Verletzungen hatten, ihre Erfahrungen haben mir auf eine gewisse Art und Weise geholfen. Auch von Vereinsseite erhielt ich tolle Unterstützung, für die ich unglaublich dankbar bin. Sie haben mich in keiner Reha hängen lassen und ich habe immer wieder einen neuen Vertrag bekommen. Das hat mich so durch diese Zeit gebracht und mir da rausgeholfen.“
Lena als gesponserte Nike Athletin /Quelle: Nike
Lena als gesponserte Nike Athletin /Quelle: Nike

Lena sieht nicht nur das negative dieser schweren Zeit. Sie hat ihre eigenen Erfahrungen aus dieser Zeit gezogen, die sie ins Leben außerhalb des Sports mitnimmt.

“Ich weiß es jetzt viel mehr zu schätzen auf dem Fußballfeld zu stehen. Ich weiß jetzt was es heißt, komplett gesund zu sein, keine Schmerzen zu haben, das war früher selbstverständlich. Ich glaube ich habe aus der Zeit mitgenommen, dass man eine Menge Durchhaltevermögen braucht, dass es nicht bei jedem Menschen einwandfrei läuft. Ich hatte lange das Glück, dass es so gelaufen ist, aber habe auch zu spüren bekommen, dass es mal nicht so laufen kann. In der Zeit fing ich auch an mich besser in die Lage von anderen zu versetzen und ein ganz anderes Gefühl für den Körper zu entwickeln. Auch mal sagen, ich mach mal einen Tag Pause. Früher war es immer nur Vollgas. Das hat mich vielleicht dort hingebracht, wo ich war, aber genauso auch einige Verletzungen eingebracht und ich glaube, dass ich da heute etwas reifer, überlegter bin.
Es hat mir beigebracht, Fußball vielleicht nicht mehr über alles zu stellen, dankbar zu sein wieder auf dem Platz stehen zu können, aber vielleicht nicht um jeden Preis.”

Inzwischen ist Lena wieder voll genesen, doch das hat gedauert. Erst in ihrer zweiten Saison nach ihrer Rückkehr, hatte sie wieder das Gefühl, dass sie voll dabei sein konnte.

“Es hat ehrlich gesagt sehr lange gedauert, jetzt erst in der zweiten Saison hab ich das Gefühl zurück zu sein. Das erste Jahr war sehr durchwachsen, ich hatte noch andere Verletzungen, die natürlich dann nach so einer riesengroßen Verletzung dazukommen. Muskulär, Sprunggelenk umgeknickt. Jetzt erst nach eigentlich fast zwei Jahren fühle ich mich erst wieder so fit, dass ich auf dem Platz stehe und so spiele, wie ich es auch möchte. Ich habe sogar eine neue Position gefunden. Früher war ich eher ein Stürmer, hab außen gespielt, mittlerweile bin ich eher ein Sechser und im Zentrum. Vielleicht auch ein bisschen bedingt dadurch, dass ich durch meine Verletzungen an Schnelligkeit verloren habe.”

Auch wenn ihre Verletzungen ihr einige Steine in den Weg gelegt haben, gibt Lena also nicht auf. Und der Fußball ist zum Glück nicht der einzige Pfad, auf dem sie sich wohlfühlt. Auch abseits des Spielfeldes hat sie bereits einiges erreicht, was sie für ihre Zukunft im Auge behält.

“Ich habe ein Jahr nach meinem Fachabitur zu studieren angefangen, an einer Fernuni in München. Ich hab meinen Bachelor in Sportwissenschaften gemacht und studiere jetzt internationales Sportmanagement. Nebenher habe ich noch meine B-Elite Jugend Lizenz gemacht, meinen Trainerschein. Ich habe schon ein paar Berufsrichtungen ausprobiert, auch mal bei Amazon-Radio als Co-Moderatorin gearbeitet, auch für den ZDF mal ein paar Experteninterviews bei einer WM gehabt. Ich wollte die Zeit nutzen, in der ich selbst nicht spielen konnte, um mal herauszufinden, was mir Spaß macht und ich glaube auch, dass es in eine solche Richtung gehen könnte. Management in einem Verein oder in einem Verband.”

Das heißt natürlich nicht, dass es mit dem eigenen aktiven Sport nun vorbei ist. Lena wechselt aktuell vom SC Freiburg zum 1. FC Köln und hat noch nicht vor, ihre Karriere zu beenden. Dort wird sie neben ihrem Engagement auf dem Spielfeld auch Einblicke im Verein und dem Management erhalten. Ihre Geschichte zeigt, dass Verletzungen noch nicht das Ende einer Karriere im Sport bedeuten müssen, erst recht nicht, wenn man auch in andere Richtungen die Fühler ausgestreckt hat und ein Umfeld hat, das für einen da ist. Lena Lotzen wird mit Sicherheit dem deutschen Frauenfußball noch viele weitere Jahre erhalten bleiben.

Foto Startseite: Beppo Lotzen

louisa

Autor

louisa

Autorin und Mitgründerin von Athlet.One

Mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung im Spitzensport hat Louisa De Bellis den Durchblick in der Welt der Athlet:innen. Als ambitionierte Handballerin ist sie in der deutschen Sportlandschaft bestens vernetzt, führt Interviews mit Athlet:innen und teilt ihre Expertise auf Athlet.one!