Regula Runge: “Erfolg muss man sich selbst erkämpfen.”

Louisa

Über die letzten Jahrzehnte haben Frauen sich ihren verdienten Platz in der Sportwelt erkämpft. Das sollte heutzutage auch wirklich niemanden mehr überraschen. Doch trotzdem finden sich in vielen Sportarten immer wieder Vorurteile. Besonders gehören dazu als maskulin gesehene Extremsportarten wie BMX-Race, in denen Frauen noch immer um ihre allgemeine Akzeptanz kämpfen müssen. Regula Runge, BMX-Profi und deutsche Elitemeisterin hat uns im Interview von ihren eigenen Problemen mit Vorurteilen in ihrer Sportgeschichte und ihrem Werdegang erzählt. Ihr Weg auf dem Rad und die Liebe zu ihrem Sport hat schon sehr früh begonnen.

“Ich konnte bereits mit zweieinhalb Jahren Fahrrad fahren, immer schnell und etwas unkontrolliert. Kurz vor meinem Geburtstag habe ich bei unserem Fahrradhändler aufs kleinste BMX-Rad gepasst und dann beim RSV Möwe Kornwestheim mit dem BMX-Rennsport begonnen. Anfangs bin ich ohne Ehrgeiz und nur aus purer Freude gefahren, bis die Sprünge dazu kamen. Sprünge und das Adrenalin sind immer noch mein Favorit. Inzwischen starte ich für den SV Salamander Kornwestheim, der vor allem für Handball und Leichtathletik bekannt ist“

Neben dem Radsport war auch Badminton eine Sportart, in der Regula für mehrere Jahre aktiv war, auch als sie schon für das deutsche Nationalteam gefahren ist. Badminton ist für viele im Gegensatz zum BMX ein deutlich femininerer Sport, der jedoch für sie immer nur Zweitsache und etwas für die Wintermonate und damit die Off-Season des gefährlicheren BMX-Sports blieb.

“Stürze und Verletzungen gehören bei Extremsportarten dazu. Man entscheidet sich bewusst dafür, das Risiko einzugehen. Je besser man trainiert ist, desto ungefährlicher ist BMX. Im Training kann man das Risiko kalkulieren, im Rennen wegen der Gegner nicht.“

Die Gefahr brachte Regula nicht davon ab, den Sport weiterhin zu verfolgen. Ein Sport wie BMX fordert von Beginn an intensives Training, wenn man Erfolg haben möchte. Dafür hat Regula viele Dinge zurückgesteckt und hatte ihren Fokus auch in ihrer Jugend bereits auf das Rad gelegt. 

“Ein wichtiger Schritt für meine Entwicklung war mein Training zweimal pro Woche beim TSV Betzingen in Reutlingen. Das ist 68 Kilometer von Kornwestheim entfernt und wir sind fünf Jahre lang in der Saison je 272 Kilometer pro Woche nur zum Training nach Betzingen gefahren. Dort konnte ich mit dem deutschen Elitemeister und auf einer Bahn mit internationalem Niveau trainieren – trotzdem bin ich immer für meinen Heimatort Kornwestheim gestartet. Ein weiterer wichtiger Einfluss war, dass ich ab zehn Jahren eine Trainerin aus Esslingen hatte, die selbst in den Neunzigern viele internationale Erfolge in Elite eingefahren hat. Sie und das Training beim TSV Betzingen haben mir die großen Erfolge ermöglicht.“

Und so blieb es nicht beim Fahren innerhalb Deutschlands. Bald schon kamen BMX Rennen im Ausland zustande, darunter auch in der Schweiz, wo der Sport ein paar interessante Eigenheiten in den Kategorien hat.

“In der Schweiz gibt es keine extra weiblichen Kategorien. Die Nicht-Trennung hat mit den wenigen weiblichen Fahrerinnen in der Schweiz zu tun. Frauen sind in athletischen Sportarten wie BMX körperlich deutlich unterlegen. Dennoch habe ich Spaß bei den Rennen gegen Männer und Rennen gegen die männliche Konkurrenz haben mir sehr viel für internationale Rennen gebracht und natürlich eine bessere Rennhärte.”
“Als Juniorin bin ich von der UCI (Union Cycliste Internationale) als eine von zwölf Fahrern weltweit für ein Förderungs-Programm ausgewählt worden: Mehrere Monate habe ich im UCI-Center in Aigle bei Lausanne gelebt und unter professionellen Bedingungen bei einem sehr guten Trainer trainiert. Dies war ein sehr entscheidender Meilenstein für meine Entwicklung, ich habe sehr große Fortschritte gemacht. Danach bin ich als erste deutsche Fahrerin überhaupt bei einem UCI Supercross Weltcup gestartet.”
Regula (rechts) startet in der Schweiz auch gegen männliche BMX-Fahrer / Quelle: Trixpics.ch

Trotz der Erfolge die Regula national wie international einfährt und der Teilnahmen an Rennen gemeinsam mit Männern, lassen die Unterschiede die für Frauen und Männer immer noch in Sportarten wie dem BMX-Race vorherrschen nicht verschwinden. Damit ist Regula tagtäglich konfrontiert.

“BMX ist männerdominant und zum Beispiel bei der Bundesliga oder Deutschen Meisterschaft 2019 waren gerade einmal knapp über 15% der Gesamtteilnehmer weiblich.
Der UCI-Weltverband fördert Frauen, zielt auf Gleichberechtigung und möchte den Frauenanteil erhöhen, unter anderem über gleiches Preisgeld und gleiche Anzahl der Starter bei den Olympischen Spielen.
Meines Wissens bin ich aber derzeit zum Beispiel auch die einzige Trainerin in Deutschland, die einen BMX- spezifischen B-Trainerschein und Ausbildung beim Chef-Bundestrainer in Cottbus gemacht hat.
Deutschland hatte seit 2007 nur 4 Fahrerinnen insgesamt, die jemals bei einem UCI Supercross Weltcup gestartet sind. Und davon sind nur noch ich und eine andere Elitefahrerin aktiv. Ich bin Deutsche Elite Meisterin und 59ste in der Weltrangliste, obwohl ich im letzten Jahr meinen Studienabschluss absolviert habe und deshalb an keinem Weltcup teilgenommen habe. Aber gefördert werde ich vom Verband nicht.”

Und diese Unterstützung wäre oft mehr als nötig. Denn egal wie trainiert man ist, im Extremsport kann es immer zu Unfällen und Verletzungen kommen. Von Armbrüchen über Stürze, über Sprunggelenk-Verletzungen direkt vor DM- oder EM-Titel-Wettkämpfen, Regula musste schon so einiges ertragen. Auch nach einem schweren familiären Schicksalsschlag, der sie mindestens 1 Jahr gekostet hat, konnte sie sich zurückkämpfen und ist 2019 Deutsche Elite Meisterin geworden – ihr 15. DM-Titel.

2019 holte sich Regula zum 15. mal den Deutsche Meistertitel

Extremsport fordert hohe körperliche Fitness und jeder Sturz kann, auch mit der besten Sicherheitskleidung, zu einer Verletzung führen, die es einem schnell unmöglich machen kann, den Sport weiter auszuüben. Doch glücklicherweise ist BMX-Racing nicht Regulas einziges Standbein und kommt ihrer Ausbildung nicht wirklich in die Quere.

“Vor der neunten Klasse habe ich die Schule gewechselt, da ich in Kornwestheim für das kommende Schuljahr nur zusätzlich drei freie Tage für den Sport bekommen hätte. Die Lösung hieß Schickhardt-Gymnasium. Auf dem Gymnasium in Stuttgart, eine Eliteschule des Sports, hatte ich keine Einschränkungen, solange meine schulischen Leistungen gestimmt haben und ich mich um alles wie Nachschreibe-Klausuren mit den Lehrern gekümmert habe. Und manchmal stand eben auch Lernen bis 3 Uhr morgens an, wenn es notwendig war. Diese Schule hat mir sehr geholfen, meinen Sport parallel auf diesem Niveau auszuüben. Durch meinen Wechsel aufs Schickhardt-Gymnasium bin ich dann als erster BMX-Fahrer überhaupt an den Olympiastützpunkt in Stuttgart gekommen und hatte dort mein Kraft- und Athletiktraining.
Nach dem Abitur habe ich internationales Management in Ansbach studiert, ein Studiengang für Spitzensportler und in Kooperation mit dem DOSB. Dadurch konnte ich mein Studium optimal zum Leistungssport vorantreiben. Ich war tage- oder wochenweise in Ansbach und ansonsten im Selbststudium. Das hat viel Disziplin verlangt, aber das bin ich durch den Sport gewöhnt. Aber es war wirklich schön mit anderen Sportlern zu studieren wie Manuel Späth, Kathi Wilhelm, Skispringer, Leichtathleten, und Athleten aus anderen Sportarten - und zur Abwechslung einmal nicht „die Sportlerin“ zu sein, sondern eine unter gleichen.”

Doch neben dem Studium bleibt es der Sport, in den Regula am meisten investiert hat. Mit der eher geringen Unterstützung die sie im BMX-Sport erhält ist das natürlich nicht immer einfach. Besonders der regelmäßig Verschleiß benötigt hohe Summen. Ein guter Helm kostet schnell mal 500€. Bei einem Sturz letztes Jahr kurz vor der Deutschen Meisterschaft sind bei Regula in nur einem Crash knapp 1000 € Schutzkleidung kaputt gegangen.

“Ich fahre seit vier Jahren für einen kanadischen Hersteller im internationalen Elite-Team. Komplettiert wird mein Rad mit den besten Komponenten von Sponsoren aus den USA, Asien, Australien und Deutschland. Ich empfinde es als Luxus, für die besten Marken zu fahren, da dies mein Traumrad ist.
Verschleiß gibt es vor allem bei Reifen, Ketten, Kettenblättern, Pedalen und wetterbedingt in Deutschland bei den Lagern. Aber auch der Rahmen wird getauscht, da bei Supercross-Strecken und Landungen hohe G-Kräfte wirken, es Geschwindigkeiten von 50-60km/h und Sprünge bis zu zwölf Metern gibt.
BMX ist international in Elite auch teuer: Das Startgeld für ein Weltcup-Wochenende sind 250€, beim Europacup 120 € und dazu kommen andere Belastungen wie Anreise, Hotels, Verpflegung, Fahrten zum Training und ggf. Trainingslager. Und ich arbeite seit Jahren unter anderem mit ausländischen Trainern.”

Egal was Regulas Karriere in der Sportwelt im Weg stand, von allgemeiner Akzeptanz ihres Geschlechts in der Sportart bis zu hohen Kosten für Training, Teilnahme und Ersatz, wenn nötig, Regula Runge hat ihren Platz in der BMX-Elite gefunden. Ein Platz, den sie hoffentlich auch noch für viele Jahre verteidigen wird.

Foto Startseite: Sebastian Munz