Nina Stapf „Ich konnte mich einfach nicht trennen.“

Nina Stapf „Ich konnte mich einfach nicht trennen.“

Nina Stapf ohne ihr Kunstrad? Fast nicht vorstellbar. Seit 17 Jahren verbindet sie eine große Leidenschaft mit der Akrobatik auf dem Rad.

Begonnen hat Nina Stapf (23) ihre Karriere als Turnerin. Doch eines Tages warf sie einen Blick in die Halle nebenan. Dort fand gerade eine Trainingsstunde der Kunstradfahrer statt. "Ich habe das gesehen und wollte es sofort ausprobieren", erinnert sich Nina. Lange überlegen musste sie nicht: "Gleich nach dem ersten Training war ich mir sicher: das will ich machen!" Kurz darauf hörte sie mit dem Turnen auf, um ihre komplette Zeit dem Kunstradfahren zu widmen. Schnell erkannte ihre Trainerin auch, dass eine Freundin und sie perfekt als 2er-Paar harmonierten. So wurden die beiden ein Team und konnten in zehn Jahren gemeinsam große Erfolge feiern. 

Bis heute ungebrochener Weltrekord

Früh wurden sie in den Landeskader und schließlich in den Bundeskader der Junioren des Bund Deutscher Radfahrer aufgenommen. In der Schüler- und Eliteklasse wurden sie unter anderem zweimal Europameister und viermal Deutscher Meister. Außerdem fuhren sie in ihrer Altersklasse 2013 einen Weltrekord, der bis heute aktuell ist und nicht überboten werden konnte.

Ein großes Ziel war es natürlich, in dem letzten Junioren-Jahr die Titel noch einmal zu verteidigen. Doch bei der EM-Qualifikation 2014 dann der Schock. Bei einem Sturz brach sich Nina ihren Arm. Die weiteren Qualifikationen waren damit gelaufen. Aber so leicht gibt eine leidenschaftliche Sportlerin wie Nina nicht auf: "Wir wollten trotzdem unbedingt an der Deutschen Meisterschaft antreten", erinnert sie sich heute an die Zeit.

„Deshalb habe ich einfach mit dem Arm im Gips trainiert, so gut es eben ging. An der deutschen Meisterschaft trat ich dann mit einem geschienten Arm an.“

Natürlich war es anfangs für die beiden Sportlerinnen ein toller Erfolg trotz dem Sturz kurz vorher überhaupt an den Meisterschaften teilnehmen zu können, doch "leider waren wir mit unserem Programm an diesem Tag überhaupt nicht zufrieden und wir wurden Deutscher Vizemeister", bewertet sie diesen Erfolg selbstkritisch.

Im ersten Jahr in ihrer Eliteklasse 2015 beendete Ninas Partnerin kurz vor den Wettkämpfen ihre Karriere. Für die junge Sportlerin die noch große Ziele hatte ein Schock. "Ich wollte eigentlich noch nicht so früh mit dem Leistungssport aufhören", gibt Nina zu. "Doch leider blieb mir zu diesem Zeitpunkt nichts anderes übrig." Erfolglos machte sie sich auf die Suche nach einem Partner in der Umgebung. Aber komplett das Rad in die Ecke stellen kam eben nicht in Frage.

"Ich konnte mich einfach nicht trennen von meinem Sport, von meiner Leidenschaft, die so lange meinen Alltag bestimmt hat. Also bin ich weiterhin ins Training gegangen und habe sozusagen einfach vor mich hintrainiert“. 

Nie wieder 2er-Kunstrad fahren?

Zwei Jahre gingen so ins Land. "Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, jemals wieder 2er-Kunstrad zu fahren", erinnert sich Nina. Doch dann meldete sich überraschend ihr ehemaliger Bundestrainer Dieter Maute bei ihr. Er stellte die überflüssige Frage, ob sie noch Lust hätte, 2er-Kunstrad zu fahren. "Natürlich!", war Ninas überglückliche Antwort. Auch die Partnerin von Patrick Tisch hatte ihre Karriere beendet und so war er in der gleichen Situation wie Nina. Die Chemie stimmte sofort. "Bereits im ersten Training haben wir gemerkt, dass wir als 2er-Kunstrad-Paar sehr gut zusammenpassen", sagt Nina. So fahren die Beiden seit Juni 2017 zusammen und sind froh und dankbar für die Idee ihres Bundestrainers.

Die Erfolgsserie geht weiter

Bereits in ihrer ersten Saison und nach nur wenigen Monaten gemeinsamen Trainings konnten sie bei der Deutschen Meisterschaft die Bronzemedaille gewinnen und sich für die Nationalmannschaft qualifizieren. Nach 11 Monaten als Kunstrad-Paar wurden sie nach weiteren Erfolgen schließlich Europameister 2018 und qualifizierten sich für ihre erste gemeinsame Weltmeisterschaft. Diese beendeten sie auf dem 3. Platz wussten aber, dass noch eine deutliche Leistungssteigerung möglich war. Auch 2019 konnten sie ihre Erfolgsserie fortsetzen. Dabei wurde das Kunstrad-Paar unter anderem erneut Deutscher Vizemeister und gewannen die Weltcup-Serie.

Einmalig in der Geschichte des Kunstradfahrens

Dazu schafften es die beiden Sportler in die Kunstrad-Historie einzugehen. “Patrick und ich haben fleißig eine Übung trainiert, die zuvor noch kein 2er-Paar auf der Welt geschafft hat”, erklärt Nina stolz. Die Übung heißt „Übergang Reitsitzsteiger Steuerrohrsteiger mit Schulterstand“. Ihr Bundestrainer war nicht sehr begeistert von dieser Übung. Schließlich ist sie mit einem sehr hohen Verletzungsrisiko verbunden. “Doch wir waren uns sicher, dass diese Übung machbar ist und das konnten wir dann auch beweisen”, erzählt Nina. Bei der WM-Qualifikation 2019 hat die Übung auf Anhieb reibungslos funktioniert. “Auf diesen einzigartigen Erfolg sind wir sehr stolz”, gibt Nina zu.

Großer Traum: die Heim-WM

Für die kommende Saison in diesem Jahr haben die beiden ein besonders großes Ziel. Im November 2020 findet die Weltmeisterschaft in der Porsche-Arena in Stuttgart statt. “Für uns wäre es ein absolutes Highlight an dieser Heim-WM teilzunehmen”, schwärmt Nina. Daher trainieren sie bereits fleißig, um optimal für die WM-Qualifikationen im September vorbereitet zu sein.

Nina Stapf und Patrick Tisch - Kunstrad
Nina Stapf und ihr Kunstrad-Partner Patrick Tisch für die Deutsche Nationalmannschaft /Foto:  Tamaris Franke Fontinha

Trotz der großen Leidenschaft die Nina Stapf zum Kunstradfahren über all die Jahre entwickelte und der Erfolge die sie bereits einfahren konnte, sieht die ambitionierte Sportlerin einige Herausforderungen in ihrem Sport. Die Förderungen sind in dieser Randsportart ziemlich begrenzt. Wie sie dennoch den Alltag zwischen ihrem Sport, Beruf und Universität meistert und welchen Herausforderungen sie sich stellen muss, erzählen wir euch in der Fortsetzung, die ihr bald auf Athlet.One lesen könnt.


louisa

Autor

louisa

Autorin und Mitgründerin von Athlet.one

Mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung im Spitzensport hat Louisa De Bellis den Durchblick in der Welt der Athlet:innen. Als ambitionierte Handballerin ist sie in der deutschen Sportlandschaft bestens vernetzt, führt Interviews mit Sportler:innen und teilt ihre Expertise auf Athlet.one!