Tobias Dahm: “Eine duale Karriere ist wichtig, da die wenigsten von ihrem Sport ihr Leben lang leben können.”

Louisa

Wir sprechen in unseren Interviews sehr oft mit Athleten, die versuchen einen Weg zu finden, Sport und Karriere zu balancieren. Für viele führt dieser Weg zu Sportförderungen durch die Polizei oder die Bundeswehr. Tobias Dahm dagegen hat einen anderen Weg gewählt. Der Kugelstoßer arbeitet Dual neben dem Sport bei Daimler. Was ihn auf diesen Pfad gebracht hat und wie er die beiden Welten balanciert, berichtet er uns im Interview. 

“Ich habe wie die meisten, die mit der Leichtathletik begonnen haben, mit Dreikampf angefangen, also Laufen, Springen und Werfen, später dann Achtkampf und Zehnkampf. Da hatte ich viele Verletzungen, die mir dann irgendwann die Lust genommen haben. Dann wollte ich eigentlich aufhören, aber es wurde zu mir gesagt: ‘Mach doch Kugelstoßen, das ist das, was dir Spaß macht und was du immer am besten konntest!’ Somit habe ich mich dann auf Kugel spezialisiert. Was ja nicht ganz so schlecht war!”
Heute steigt Tobias für Deutschland auf den internationalen Bühnen in den Ring/ Foto: Mark Ralston

Fokussiert auf eine spezifische Disziplin bekam seine sportliche Karriere neuen Aufschwung. In einem stetigen Aufstieg stieß er hierbei immer wieder auf neue Barrieren, die er erst durchbrechen musste. Heute geht er offen mit seinen schwierigen Situationen der damaligen Zeit um und hat seine ganz persönlichen gemeisterten Herausforderungen vor Augen, die ihn stolz machen. 

“Ich bin nicht der Talentierteste gewesen, war aber immer sehr fleißig und hatte immer ein Ziel vor Augen. Am meisten stolz bin ich, dass ich nach meinem Riss der Achillessehne im Dezember 2016 jetzt wieder fast da bin, wo ich vor dieser Verletzung war. Es macht mich stolz, dass ich den harten Kampf auf mich genommen habe, alles wieder aufzubauen. Natürlich macht mich aber auch meine Olympiateilnahme unglaublich stolz, auch wenn sie Aufgrund meine Doppelbelastung mit Arbeit und Sport nicht ganz so einfach war. Woran sich nichts geändert hat!”
2016 nahm Tobias in Rio an den Olympischen Spielen teil / Foto: Tobias Dahm privat

Olympia ist etwas, auf das Tobias heute häufiger zurückblickt. Für so gut wie jeden Sportler liegt Olympia unter den großen Zielen und sich da beteiligen zu können, war natürlich auch für ihn etwas Einzigartiges. Trotz dem Achillessehnenriss, der danach kam, blickt Tobias mit Selbstvertrauen in die Zukunft.

“Die Teilnahme hat mir sehr viel bedeutet, ich habe das erreicht, was mir die wenigsten Leute zugetraut haben! Ich selbst habe immer daran geglaubt, dass ich das erreichen kann. Tokio 2021 ist jetzt mein Ziel, das war ehrlich gesagt auch der erste Gedanken, den ich hatte, als ich nach meinem Riss der Achillessehne auf der Bahn lag.”

Die verschobenen olympischen Spiele sind jedoch nicht das einzige, worauf Tobias sich stützen kann. Wie bereits zuvor erwähnt kämpft der Athlet sich auch durch eine duale Karriere, in der er neben dem Kugelstoßen seinen Platz bei Daimler gefunden hat. Wir haben ihn gefragt, wie viel Zeit er während dem Leistungssport noch in seine Arbeit investieren kann und wie sich diese Zeit gestaltet.

“Ich arbeite Vollzeit. Ich stehe um 4:40 auf und fahre dann zur Arbeit, wo ich um 6:00 mit der Arbeit beginne. Dort bin ich dann meist bis 15:30/16:00 und von dort aus fahre ich dann direkt zum Olympiastützpunkt nach Stuttgart, wo ich dann gegen 17:00 bis meist 20:30/21:30 trainiere!”
Nach der Arbeit geht es für Tobias ins Training / Foto: Tobias Dahm privat

Für Wettkämpfe und Trainingslager muss Tobias sich Urlaub nehmen. In Anbetracht dessen, wie viel Zeit er in den Job investiert, haben wir den Kugelstoßer gefragt, ob er die für viele Sportler üblichen Sportförderprogramme beispielsweise der Bundeswehr und Polizei jemals in Betracht gezogen hatte.

“Als diese Entscheidung zur Debatte stand, ob Polizei oder Bundeswehr, war ich in einem Tief und habe somit nicht die nötigen Qualifizierungen gehabt, um einen Platz für ein solches Förderprogramm zu bekommen. Somit habe ich mit einer Ausbildung begonnen und danach habe ich auch überhaupt nicht mehr darüber nachgedacht.”

Tobias ist der Meinung, dass der Mensch als Gewohnheitstier sich an alles anpassen kann, auch schwere Arbeitszeiten. Trotzdem wollten wir von ihm wissen, ob er einen anderen Weg wählen würde, könnte er in der Zeit zurückgehen.

“Ich denke schon, dass ich es wieder genauso machen würde. Jedoch würde ich auch gern mal testen wie es ist 24/7 nur für den Sport zu leben. Ich stelle mir das auch sehr schwer vor, gerade wenn es nicht läuft, gibt es keine Möglichkeit sich abzulenken. Und das könnte glaub zu einigen mentalen Problemen führen!”

Trotz allen Arbeitszeit-Problemen wirkt Tobias sehr ausgeglichen und optimistisch. Auch wenn sein Pfad schwierig erscheint, funktioniert er für ihn und das zudem äußerst erfolgreich. Zudem ist er nicht der Meinung, dass nur er ihm folgen sollte.

“Die duale Karriere find ich sehr wichtig, da die wenigsten einen Sport machen, von dem sie ihr Leben lange leben können. Dann kommen noch Verletzungen und viele weitere nicht planbare Umstände dazu, die einem ein geregeltes Einkommen unmöglich machen. Ich persönlich finde die Abwechslung zwischen Sport und Arbeit auch gerade für den Kopf sehr gut. Es kann dich ablenken, wenn es mal nicht so läuft, und es macht deinen Kopf und Körper auch nicht müde, da man nicht 24/7 an Sport denkt. Ich denke es hilft auch zu lernen sich zu fokussieren, da man sowohl bei der Arbeit als auch im Sport voll dabei sein muss. Das bringt dich dann bei den Wettkämpfen auch weiter!”

Tobias Dahm hat seinen Weg im Sport gefunden und fühlt sich selbstbewusst sowohl für seine Zukunft in der Sportwelt, als auch für seine Zukunft danach. Mit seiner Vollzeit-Position in einem sportfernen Job hat er ein exzellentes Fundament für seine Zukunft gebaut. Ein Abfangnetz dieser Art ist wichtig und genau wie Tobias, empfehlen wir jedem Athleten, sich sein eigenes zu suchen. Wir wünschen Tobias alles Gute für die Vorbereitung für Olympia 2021 und sein Leben in Beruf und Sport!

Foto Startseite: Tobias Dahm privat