Janosch Kowalczyk: “Ich will sehen wo das Limit ist.”

Louisa

Janosch Kowalczyk ist 29 Jahre alt und Profiläufer im Trailrun bzw Ultrarun. Er läuft also nicht auf ebenen asphaltierten Wegen, sondern durchs Gelände und das über Distanzen jenseits des Marathons. Wie er die Leidenschaft zu seinem Sport fand und wie er diese jetzt zu seinem Beruf machte, erzählte er uns im Interview.

Janosch kam sehr spät zum Trailrun bzw Ultratrail. Viele Jahre war er nur im “normalen” Langstreckenlauf unterwegs. “Ich bin schon seit der Kindheit gelaufen, früher Bambini-Läufe und Volksläufe, in der Leichtathletik auch Bahnwettkämpfe. Dann gab es eine kleine Pause und im Studium bin ich einmal Marathon gelaufen.” Das war 2010. Zwei Jahre später immer noch im Mechatronik-Studium veränderte ein kleiner Unfall seine Leidenschaft zum Laufen. Am Wochenende fuhr der damals 21 Jährige hin und wieder mit dem Rennrad von seinem Studienort Karlsruhe nach Hause. An diesem Wochenende aber kollidierte Janosch auf seinem Weg im Stadtverkehr mit einem Auto. Es passierte nichts größeres, aber der Rahmen seines Rennrads war verbogen und erstmal nicht zu benutzen. Also war er von nun an erstmal zu Fuß anstatt mit dem Rad unterwegs. “Irgendwie hatte ich dabei die spontane Idee einen längeren Traillauf zu machen und habe mich für den Ultrarun sechs Wochen später angemeldet. Es hatte mich gereizt, so weit zu laufen und auf den Trails hat es auch Spaß gemacht.” 

Knapp einen Monat nach dem Unfall war er dann tatsächlich beim Black Forest Trailrun Masters dabei. Ultra ist dabei die Bezeichnung für eine Distanz, die länger ist als ein üblicher Marathon. Am einen Tag lief Janosch 57 Kilometer und 2400 Höhenmeter und am anderen 24 Kilometer und 1000 Höhenmeter. Alles durchs Gelände ohne geteerte Wege. Sein erster Sieg. Seitdem hat ihn die Leidenschaft zum Laufen nicht mehr losgelassen. Zu seinen bisher größten Erfolgen zählt Janosch die Teilnahme an der Trailrunning WM 2017 und 2018 sowie den Sieg beim World Tour Rennen in Kapstadt 2018. “Alle drei Rennen liefen für mich perfekt und waren auch irgendwie der Grundstein für die Gedanken in Richtung Profi.”

Janosch bei seinem Sieg in Kapstadt / Quelle: Janosch Kowalczyk - UTCT - slam_clark

Ultramarathon empfindet er als extrem faire Sportart. “Die Tagesform spielt sicherlich eine Rolle, aber letzten Endes bekommt man das, wofür man sich monatelang gequält hat. Niemand läuft 100 Kilometer oder mehr ohne viel Leiden im Training. Niemand gewinnt solche Rennen ohne die mentale Seite schon im Training “trainiert” zu haben. Das Training ist oft über Wochen ermüdend und das soll genau so sein, um die zweite Rennhälfte zu simulieren. Also läuft man mehrmals hintereinander lange und auch wenn es nur 20 bis 40 Kilometer sind, die sich aber ab dem ersten Kilometer verdammt schwer anfühlen, hat man schon genug mit sich mental zu kämpfen. Die mentale Stärke spielt in seinem Sport eine große Rolle, sie ist aber in Janoschs Augen nicht alles. “Die mentale Belastung ist riesig, aber ich finde ihr wird teilweise zu viel zugerechnet. Wenn ich vor 60 000 Zuschauern einen Elfmeter sicher verwandeln müsste wäre das irgendwie belastender.”

Der für die Trailrun Läufer zuständige Verband ist die Deutsche Ultramarathon Vereinigung, kurz DUV. Die Trailrunning WM wird vom DUV betreut und zielt auf die längeren Distanzen. Dabei muss Trailrunning aber nicht immer Ultratrail mit 50 Kilometer oder mehr sein. “Ich bin 2017 vom damaligen Verantwortlichen der DUV für die WM angesprochen worden. Zuerst war ich skeptisch, habe dann aber zügig zugesagt und in der verbleibenden Zeit das Beste gegeben, um mich für die 50 Kilometer mit 3000 Höhenmeter vorzubereiten.” 

Quelle: Janosch Kowalczyk privat

Wenn auch der Trailrun noch nicht die Popularität erreicht hat, wie der Fußball, so gibt es doch eine breite private Förderung für den Sport. “Mittlerweile gibt es endlos viele Teams von den großen Sport- und Outdoormarken. Hier wird der Sport auch in schnellem Tempo sehr professionell.” Janosch selbst läuft für Adidas Terrex. “Ich bin super froh, hier das beste Equipment bekommen zu können. Adidas Terrex bietet von den Schuhen über spezielle Trailrunning Klamotten bis zu leichten Regenjacken alles an. Viele kleinere Marken führen z.B. nur Schuhe. Hier kann ich dagegen aus dem Vollen schöpfen.”

Seit Dezember 2019 ist Janosch nun Voll-Profi, verdient mit dem Sport also seinen Lebensunterhalt. “Nach der WM Teilnahme 2017 und 2018 haben mich öfter Laufkollegen angesprochen, wann ich denn zu den Profis wechsle. Teilweise bei einem Bier nach den Rennen. Ich habe das immer lachend abgetan, aber die Saat schlug in meinem Kopf Wurzeln und hat mich nicht mehr losgelassen. Ich wurde 2018 10. bei der WM in Spanien und wusste aus Social Media und dem Internet, dass von den neun Läufern vor mir mindestens sieben Profis sind.”

Der Wechsel brachte für Janosch eine wichtige Veränderung mit sich. “Vorher bin ich oft sehr früh oder abends noch laufen gegangen. Viel Tempotraining konnte ich nach einem langen Arbeitstag aber nicht mehr machen. Der größte Unterschied ist denke ich das Alternativ- und Regenerationstraining. Es ist kein Problem jeden Tag trotz Arbeit ein bis zwei Stunden zu laufen. Da kommt man schnell auf “profesionelle” Kilometerumfänge. Nur zwickt es dann ständig irgendwo und der Teufelskreis aus Schlaf oder Training schlägt auch zu. Eigentlich sollte man als Sportler genügend schlafen, um die Trainingsreize optimal umzusetzen. Jetzt steht man aber um fünf Uhr auf und kürzt eher noch den Schlaf, um Kilometer zu sammeln.” Das ist nun anders. Der ambitionierte Läufer kann sich nun voll und ganz auf seinen Sport fokussieren. “Jetzt, da ich viel mehr Zeit habe, mache ich endlich regelmäßig Yoga und Stabilisationstraining. Ich gehe auch prophylaktisch zum Physiotherapeuten und kann einfach mehr laufen und das vor allem mehr in den Bergen als vorher.”

Quelle: Janosch Kowalczyk privat

Lange konnte Janosch jedoch sein Profi-Dasein noch nicht genießen, denn wenige Monate nach seinem Schritt in die Profi-Welt brachte die Corona-Pandemie alles zum erliegen. “2020 ist ein sehr undankbares Jahr für solch einen Schritt, aber ich lasse mich nicht entmutigen. Es war nie geplant nur ein Sabbat-Jahr zu machen. Meine Vision ist es, zu sehen, wo das Limit ist. Was kann der Körper über Stunden und manchmal Tage in den Bergen leisten? Somit habe ich Glück, dass es kaum Wettkämpfe gibt und ich mich nicht im ersten Jahr vor Euphorie und genügend Reisemöglichkeiten gleich ausbrenne.”

Janosch trainiert in Deutschland, hat aber einen Trainer in den USA. “Er hatte mich nach dem Sieg in Kapstadt gefragt, ob ich Interesse daran hätte, von ihm trainiert zu werden. Jetzt bin ich richtig froh, denn dadurch habe ich nochmal viel besseres Feedback und mache auch viel mehr schnelle, harte Einheiten. Außerdem komme ich mit der amerikanischen, positiven Mentalität richtig gut zurecht. Niemand sonst sagt mir so oft wie genial und toll alles ist.” Mit der räumlichen Entfernung läuft das Training entsprechend ungewöhnlich ab. “Wir schreiben im Chat und telefonieren etwa zwei bis dreimal im Monat. Dazu gibt es relativ coole Apps, um das Training zu planen und analysieren. Mein Trainer bespricht mit mir was wir vorhaben und schreibt einen Plan. Über meine GPS-Uhr werden alle Werte aufgezeichnet und er sieht die wichtigen Daten anschließend inklusive Kommentarfunktion und Bewertung wie das Training war.”

Trotz den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie ist Janosch froh den Schritt gewagt zu haben und aus seiner Leidenschaft endlich seinen Beruf gemacht zu haben. Durch den Fokus der nun ausschließlich auf dem Laufen liegt, werden wir sicherlich noch viel von dem deutschen Läufer auf den Trails dieser Welt hören.