Daniela Jentsch: “Ich will ich sein und davon die beste Version.”

Daniela Jentsch: “Ich will ich sein und davon die beste Version.”

Wer begeisterter Zuschauer der olympischen Winterspiele ist, hat sicherlich schon einmal ein Curling-Match gesehen. Daniela Jentsch ist der Skip der deutschen Frauennationalmannschaft im Curling und erzählt uns im Interview von ihrer großen Leidenschaft und wie sie aus ihrem Sport ihr Beruf machen konnte. Die Team-Kapitänin erzählt nimmt uns mit in ihre Welt des Curling, erklärt uns die unterschiedlichen Disziplinen und bringt uns das Spiel näher. 

Im Curling unterscheiden wir zum einen die olympischen Disziplinen: Team (Herren, Damen, 4 Spieler/1 Ersatzspieler), Mixed Doubles (1 Mann/1 Frau) und Rollstuhlcurling (Paralympics). Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Formen, wie beispielsweise Mixed (Team Disziplin, 2 Männer/2 Frauen), Gehörlosen Curling (Deaflympics) und die Einzeldisziplin.

In dieser großen Auswahl ist Daniela in der Team Disziplin bei den Damen zu Hause. In Ihrer Rolle als Kapitänin gehen Ihre Aufgaben aber über das Spielen der Steine und das Wischen, an das viele vielleicht als Erstes beim Curling denken, hinaus.

Als Skip ist es meine Aufgabe, die Mannschaft taktisch zu führen, die Spielzüge anzuzeigen und die letzten beiden Steine pro End zu spielen. Jeder Spieler hat eine feste Position Lead, Second, Third, Skip. Jedes Team hat 8 Steine und es wird abwechselnd gespielt. Der Lead spielt die ersten beiden Steine und bestimmt somit die Taktik. Danach ist er oder sie hauptverantwortlich für das Wischen mit dem wir die Steine versuchen zu verlängern und gerader zu halten, bzw. den Curl hinauszuzögern. Der Second versucht mit seinen Steinen, die als drittes und viertes in einer Mannschaft gespielt werden, weiter vorzubereiten und ist im Anschluss auch hauptverantwortlich fürs Wischen. Der Third spielt die Steine 5 und 6 und bereitet das strategische Ziel für das End vor und übernimmt im Anschluss die Rolle des Vize Skips wenn ich dran bin mit spielen.
Daniela spielt als Skip die letzten beiden Steine / Foto: Anil Mungal

Das taktische Element vom Curling ist tiefer als viele denken würden und die Reihenfolge, in der die Spielerinnen antreten, ist sehr wichtig. Als Skip ist es neben Ihrer Führungsposition auch an Daniela das Spiel zu beenden. Nicht jeder kann diese Position übernehmen. 

Jede Position benötigt sehr bedeutende Fähigkeiten. Gesamt kann man sagen, dass man als Curler eine gute Grundathletik mitbringen muss um die Kraft und Ausdauer fürs Wischen, die Balance und die Kraft für die Steinabgabe und die Kondition für die mentale Stärke und die Konzentration aufs Eis zu bringen. Als Erfahrenste bringt man natürlich viel Erfahrung mit, was aber nicht unbedingt bedeutet, dass man als Skip eingesetzt wird. Ich selber bin in die Position hineingewachsen und seit vielen Jahren Skip. Aus der Erfahrung und Beobachtungen heraus, würde ich aber schon sagen, dass Skips sehr spezielle Typen sind und vermutlich auch sein müssen, um dem Druck standzuhalten.

Daniela ist seit vielen Jahren als Profi aktiv auf dem Eis und in ihrer Position als Skip. Manche würden sagen es wurde ihr in die Wiege gelegt. Beide ihrer Eltern waren Skip in der deutschen Nationalmannschaft, ihre Mutter gewann 1992 sogar die olympischen Spiele. Auch wenn Daniela zeitweise auch im Volleyball und Tennis aktiv war, hat es sie schon immer auch aufs Eis gezogen, wenn auch ursprünglich durch einen anderen Wunsch. 

Als kleines Mädchen wollte ich eigentlich Eishockey spielen, was mir dann aber mein Vater ausgeredet hat, weil es kein „Mädchensport“ sei. Somit kann ich sagen, dass es schon irgendwie beeinflusst wurde dass ich beim Curling landete. Mit 14 Jahren wollte ich mit Curling auch tatsächlich aufhören, da es ultra uncool war. Als ich mich aber dann für die Junioren WM in Japan qualifiziert habe, war das schnell vergessen.
Der Weg in den Profisport war für mich eigentlich von Anfang an klar. Als dann 2001 die Bundeswehr für Frauen Sportförderplätze anbot, gab es da auch keine weitere Frage mehr. Schule hat mir nie wirklich Spaß gemacht und ich hätte ich auch keine Idee gehabt, was ich anderes hätte machen wollen. Natürlich haben mich auch die Erfolge meiner Eltern geprägt, aber Vorbilder in meinem Sport wie beispielsweise meine Eltern selbst habe ich nicht. Ich will nicht „wie jemand anderer“ sein, sondern ich will ich sein und davon die beste Version. Ich bewundere aber alle Sportler die es jeden Tag aufs neue schaffen sich zu Leistung zu motivieren, da jeder Sportler einen hohen Preis zahlt für seinen Traum.
Foto: Frank Peck

Dass man als Sportlerin, wie auch in anderen Lebensbereichen nicht immer nur Glanzzeiten durchlebt, hat auch Daniela bereits erfahren müssen. Doch besonders auf die persönlichen Herausforderungen, die sie tagtäglich auch neben dem Leben als Leistungssportlerin meistert ist die heute 39-Jährige stolz.

Meine Karriere war sicherlich ein Auf und Ab, im Junioren Bereich stetig bergauf, bis ein mentaler Bruch an der EM 2002 passierte. Da haben wir eine super Woche gespielt, waren nach der Vorrunde auf dem 5. Platz und wurden bereits vom Schiedsrichter zu unserem 5. Platz beglückwünscht. Schottland und Schweiz waren punktgleich, aber im direkten Vergleich hinter uns. Die beiden Nationen haben Protest eingelegt und gewonnen und wir mussten nochmal gegen beide antreten. Wir waren noch zu jung um das mental wegzustecken, verloren beide Spiele denkbar knapp und mussten in die WM Challenge, die wir dann auch noch knapp verloren. Somit wurde aus Platz 5 und direkter WM Quali, Platz 7 ohne WM. Wir haben uns damals alleine gelassen gefühlt und sind aus dem Loch auch nicht mehr herausgekommen. Daran hatte ich noch sehr viele Jahre zu knabbern.
Im Damenbereich habe ich eine kleine Pause eingelegt, um mit meinem damaligen Partner nach Krefeld zu ziehen, da er dort als Eishockeyprofi gespielt hat. 2015 bin ich wieder zurück zur Bundeswehr als Vollprofi und seit dem geht es wieder bergauf und ich habe täglich das Gefühl, dass ich immer besser werde. Besonders stolz bin ich auf die persönlichen Herausforderungen. Ich habe zwei kleine Söhne (7 und 8 Jahre) und bin seit 2016 alleinerziehend, mache nebenbei noch ein Studium zum Diplom Trainer und da wir keinen eigenen Trainer haben, habe ich diesen Posten auch noch. Allrounder eben. Aber alles das wäre nicht möglich ohne die Unterstützung meiner Familie.

In Punkte Familie ist Daniela auch im Sport nicht alleine. Ihre Schwester Analena ist ihr in den Sport gefolgt und tritt mit ihr im selben Team an, wo die beiden mit besonders starkem Teamwork glänzen können.

Ich denke es hilft ungemein, da man sich natürlich gut versteht und kennt. Aber ich glaube auch die sportliche Karriere schweißt uns nochmal anders zusammen Geschwister, da wir auch viele Tiefen gemeinsam durchmachen und meistern. Wir haben einen Altersunterschied von 15 Jahren und daher war ich immer die große Schwester, zu der sie aufgeschaut hat. Dieses Vertrauen hilft uns denke ich schon mit dem Druck klarzukommen. Im alltäglichen Teamgeschehen sehen wir uns aber nicht als Schwestern, sondern als Teamkollegen, die sich auf Augenhöhe begegnen.

In 2018 konnte sich Daniela mit ihrem Team endlich für die jahrelange und zielstrebige Arbeit mit einer Bronzemedaille bei der Europameisterschaft belohnen. Sie sieht den Erfolg auch als Lohn dafür, dass sie und ihre Team überwiegend auf sich alleine gestellt sind und sich täglich ohne Trainer aufs neue selbst motivieren und organisieren. Umso dankbarer ist die erfahrene Sportlerin für die Unterstützung und Förderung durch die Bundeswehr. 

Die Bundeswehr ist nicht nur unser Arbeitgeber, sondern ein Partner, der uns voll und ganz für den Sport freistellt. Wir können unserem Sport nachgehen ohne uns Sorgen um die laufenden Kosten machen zu müssen. In einer Randsportart ist man nicht von Sponsoren überschüttet, deswegen sind wir umso mehr auf diese Art von Unterstützung angewiesen. Gemeinsam mit der Sporthilfe haben wir eine solide Grundlage um uns voll auf unseren Sport zu konzentrieren. Als Frau und Mutter ist es in unserer Sportart der beste Arbeitgeber, den man sich wünschen kann und selbst in Zeiten von COVID-19 müssen wir uns keine finanziellen Sorgen machen. Dafür sind wir sehr dankbar.
2018 gewann das deutsche Team um Daniela die Bronzemedaille bei der EM / Foto: WCF

In Ländern wie Kanada hält Curling eine ganz andere Position wie in Deutschland. Besonders jetzt, im Endspurt für die Vorbereitungen zur WM in Kanada Ende diesen Monats, wünscht Daniela sich, dass Deutschland dem Sport mehr Fokus geben würde. Denn auch in der Medienpräsenz und Publikum kann man im WM-Land merken, wie viel mehr Begeisterung und Aufmerksamkeit Curling entgegengebracht wird, auch wenn das Publikum dieses Jahr natürlich größtenteils ausbleiben muss.

Eine WM in Kanada zu spielen ist mit die beste Erfahrung, die man machen kann. Die Zuschauer sind sehr fair und honorieren gute Leistung. Die Stimmung ist jedes Mal gigantisch vor einer vollen Halle zu spielen. Draußen wird man überall erkannt und wertgeschätzt. Dieses Jahr wird uns das schon fehlen aber wir scherzen natürlich schon, das es nicht viel anders ist, als an einer Europameisterschaft.
Für die WM fühlen wir uns gut vorbereitet, aber das werden die anderen Nationen sicherlich auch sein. Realistisch ist eine Platzierung unter den Top 10. Platz 6 wäre die direkte Olympia Quali. So weit wollen wir dieses Jahr aber nicht gehen und uns das als Ziel stecken. Unser Ziel ist es, eine gute Woche zu spielen und am Ende zu schauen, wo wir stehen. Wir wissen was wir können und zu was wir in der Lage sind und danach liegt es nur noch an den Curling Göttern, was sie für uns vorgesehen haben.
Für mich persönlich habe ich die nächsten Jahre schon noch geplant ein bisschen weiterzuspielen. Ich persönlich visiere noch die Olympischen Spiele 2026 an und werde natürlich versuchen auch bis dahin noch jeden Tag ein bisschen besser zu werden. In der Zeit werde ich mein Trainerstudium beenden, um auch im Anschluss an meine aktive Karriere weiter im Sport zu arbeiten. Es ist einfach das was ich kann und in was ich gut bin.

Daniela mag in den Curling-Sport geboren worden sein, doch ihre Karriere ist ihre eigene. Wir wünschen ihr, ihrer Schwester und ihrem ganzen Team alles Gute und hoffen, dass wir sie bald bei den olympischen Spielen auf dem Eis sehen werden.


Autor

Autorin und Mitgründerin von Athlet.one

Mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung im Spitzensport hat Louisa De Bellis den Durchblick in der Welt der Athlet:innen. Als ambitionierte Handballerin ist sie in der deutschen Sportlandschaft bestens vernetzt, führt Interviews mit Sportler:innen und teilt ihre Expertise auf Athlet.one!