Charly Glaser: “Wenn wir trainieren prügeln wir uns nicht”

Charly Glaser: “Wenn wir trainieren prügeln wir uns nicht”

Charly Glaser ist Athletin in einer Kampfsportart, die für viele auf den ersten Blick sicherlich besonders heftig wirkt, Kickboxen. Durch ihre Liebe zu ihrem Sport hat sie ein Problem mit diesem Bild des Kampfsports als gefährlich oder gewalttätig. Wieso sie diesem Label nicht zustimmt und wie sie zunächst in Kontakt mit der Sportart kam, erzählt sie uns in einem Interview.

”Ich war ein Kind, das nie ruhig zu kriegen war, was Sport anging. Ich wollte immer irgendwas actionreiches machen. Als ich sieben war hat bei uns in der Nähe eine Karateschule geöffnet. Zusammen mit meinem Bruder und meiner Schwester habe ich dann mit Karate angefangen. Sechs Jahre habe ich diesen Sport betrieben und es hat mir ganz gut gefallen. Aber irgendwann wurde es mir ehrlich gesagt zu eintönig. Es war viel Technik, viel Formen laufen aber für mich einfach nicht genug Action. Ich wollte immer ein bisschen mehr kämpfen. Ein paar Jahre habe ich dann mal Fußball gespielt aber irgendwann bin ich dann zum Kickboxen gekommen. und es hat auf Anhieb geklickt. “

Charly ist Teil der WKU, der World Kickboxing and Karate Union, und Trägerin des Europameistertitels in der Gewichtsklasse Frauen -60 kg. Nach dem Erreichen dieses Titels hat sie große Ambitionen. Ein eindeutiger Weltmeistertitel ist wie sie uns erzählt jedoch nicht ganz so einfach, da der Kickboxing-Sport da seine eigenen Hürden und Komplikationen mit sich bringt.

“Viele nennen sich Weltmeister. Man muss unterscheiden zwischen Amateur und Profibereich. Ich war die letzten 2 Jahre bereits in Athen und Österreich auf der Amateurweltmeisterschaft. Um dort antreten zu dürfen, gibt es Turniere für die Qualifikation bei denen es Punkte zu sammeln gilt. 
Die Profimeistertitel werden auf Galas oder Fightnights ausgetragen. Bevor man einen Titelkampf hat, hat man verschiedene andere Kämpfe, auch da gibt es Ranglisten. Aber für die Titelkämpfe wie für mein Europameistertitel wird man angefragt.”
Charly Glaser beim Gewinn der Europameisterschaft
Charly bei ihrem Gewinn des Europameistertitels /Foto: Paula Glaser

Begriffe wie Fightnights sowie die Tatsache, dass es sich um echte Schläge und Kicks handelt, führt dazu, dass Kickboxen in den Augen vieler als eine hochgefährliche Sportart gilt. Charly findet diese Beschreibung jedoch alles andere als universal.

“Wir haben bei uns in der Kampfsportakademie sehr viele Mitglieder und der größte Teil kommt der Fitness wegen zu uns. Viele trainieren, um sich fit zu halten. Beim Kickboxen hat man einfach ein Rundumpaket. Alles wird trainiert: die Ausdauer, die Kraft, die Koordination. Und was viele oft vergessen genauso der Kopf wird trainiert, weil du eben irgendwann alles miteinander verbinden musst. Auch die Vorbereitung auf einen Kampf: Du musst sehr diszipliniert sein, auf die Ernährung achten und den Alltag unterbringen. Ich liebe es einfach. Da steckt sehr viel Leidenschaft dahinter. Wie in jedem Leistungssport denke ich, muss man einfach lieben was man tut, um so viel dafür zu geben.”

Für Charly ist Kickboxen in vielerlei Hinsicht ein universaler Sport. Jeder kann ihn laut ihr lernen, wenn man sich nur die grundlegenden Techniken aneignet. Und auch um die Gefahr ist sie nicht besorgt. Laut ihren Worten sind viele andere Sportarten, wie Handball zum Beispiel, deutlich gefährlicher als der, den sie betreibt.

“Wir stellen uns auf die Schläge und die Kicks ein. Wir trainieren nicht nur Angriff, sondern auch Verteidigung. Wie blocke ich so einen Kick ab, wie habe ich meine Deckung optimal, dass ich den Schlag nicht ins Gesicht bekomme? Es sieht brutal aus, aber wenn wir trainieren, dann prügeln wir uns ja nicht, sondern wollen aneinander wachsen und etwas voneinander lernen. Klar, bekommen wir den ein oder anderen Schlag ab. Aber wenn man sich im Handball den Arm bricht, weil man stürzt, dann finde ich das schon krass.“

Tatsächlich blieb Charly bislang selbst größtenteils verschont, was ernsthafte Verletzungen betrifft. Das heißt jedoch nicht, dass sie ihren Sport nicht als körperlich zehrend betrachtet.

Charly Glaser - Kickboxen
Charly bei einem Fight / Foto: Alexandre Gorodnyi


“Nach so einem Kampf fühlt man sich wie von einem LKW überrollt. Beim Europatitel waren das mit Verlängerung sechs Mal drei Minuten Kampf. Nach 18 Minuten ist der Körper durch. Auch nach kleineren Kämpfen. Das Adrenalin lässt nach und die Schmerzen kommen. Es sind aber meistens nur Kleinigkeiten. Prellungen und blaue Flecken. Typische Verletzung im Kickboxen ist natürlich der Nasenbruch, den man aber nicht bekommt, wenn man eine gute Deckung hat.“

In einer Gesellschaft, in der von Frauen oft körperliche Perfektion und Schönheit erwartet wird, ist ein Sport, in dem ein Nasenbruch eben einfach mal dazugehört für viele unverständlich. Charly hatte auch schon mit solchen Aussagen zu kämpfen.

“Fremde Leute sagen: “Warum machst du das? Du bist so ein hübsches Mädchen.” Aber viele sehen einfach nicht, was da dahinter steckt. Viel Training, Spaß, Leidenschaft und Freundschaft. Viel mehr, als einfach sich zu schlagen. Mittlerweile haben Frauen zum Glück genauso die Chance, zu wachsen und Erfolge zu feiern.“

Neben ihrem Sport investiert Charly ebenso Zeit in ihr Studium. Wir haben sie gefragt, wie es ihr gelingt, ein duales Studium mit einer 40 Stundenwoche mit dem Kampfsport zu vereinen.

“Ich habe bis letztes Jahr im April bei Thyssen Krupp ein duales Studium an der DHBW gemacht. Da war es tatsächlich sehr schwer, alles unter einen Hut zu bekommen. Und ich habe mich schließlich dazu entschieden Fitness-Ökonomie zu studieren und arbeite seither für die Kampfsportakademie in der ich selbst trainiere. Ich habe immer mal wieder gewisse Präsenzphasen an der Hochschule. Grundsätzlich kann ich das aber alles sehr gut vereinen. Meine Kampfsportakademie ist mein Arbeitsplatz und Trainingsort. Diese Möglichkeit ist auf jeden fall auch ein Grund, dass ich um den Europatitel kämpfen konnte.”
Charly Glaser
In der Kampfsportakademie arbeitet und trainiert Charly /Foto: Paula Glaser

Zu den Strukturen gehört aber auch ein gute Planung ihrer Woche, um alles vereinen zu können. Trotzdem ist es natürlich nicht zu vermeiden, dass ein Kampf und eine Prüfung sich von Zeit zu Zeit in die Quere kommen.

“Dann muss ich Prioritäten setzen. Natürlich ist mir beides wichtig. Dann kommt auch noch mein Privatleben dazu. Da muss ich einfach ein gutes Zeitmanagement haben. Ich gehe meistens vor der Arbeit schon trainieren, arbeite, trainiere nach Feierabend und lerne dann abends noch. Meine Wochenenden verbringe ich meist mit Lernen, aber natürlich bleibt auch mal Freizeit.”

Trotz einer aufblühenden Karriere als Kickboxerin ist das Studium wichtig für Charly, da Kickboxen als Karriere gewisse Grenzen hat, die zu überschreiten schwierig wird.

“Ich kann vom Kickboxen nicht leben. Ich arbeite mit Sponsoren zusammen, einfach um eine kleine finanzielle Stütze zu haben. Mir werden Tapes fürs Training und die Kämpfe gestellt, ich habe einen Ausstatter für Handschuhe und Schutzausrüstung. Aber ich brauche auf jeden Fall ein zweites Standbein. So wirklich Gedanken habe ich mir darüber aber noch nicht gemacht. Vielleicht in Richtung Personal Training.”

Als Frau in einem oft als gefährlich gesehenem Sport hat es Charly Glaser nicht leicht. Doch sie arbeitet hart daran, die Vorurteile, mit denen sie täglich konfrontiert wird, aus der Welt zu schaffen. Mit einer gesunden Kombination aus weiser Voraussicht und hochgesteckten Zielen, boxt und kickt sie sich langsam zur Weltmeisterschaft durch.


Foto Startseite: Alexandre Gorodnyi

louisa

Autor

louisa

Autorin und Mitgründerin von Athlet.One

Mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung im Spitzensport hat Louisa De Bellis den Durchblick in der Welt der Athlet:innen. Als ambitionierte Handballerin ist sie in der deutschen Sportlandschaft bestens vernetzt, führt Interviews mit Athlet:innen und teilt ihre Expertise auf Athlet.one!