Nils Kowalczek: “Ich liebe Olympia, aber es tut immer noch weh und bei jeder Eröffnungsfeier kämpfe ich mit den Tränen.”

Louisa

Der ehemalige Hockey National Torwart schaut zurück auf eine Karriere mit Erfolgen, tollen Erlebnissen, aber auch Momente, die ihn bis heute bewegen. Die Karriere im Sport war für ihn aber auch mit einigen Herausforderungen verbunden, so waren die Förderungen im Hockey begrenzt und das parallele Aufbauen eines zweiten Standbeins nicht immer einfach. Die Liebe zu seinem Sport entdeckte Nils aber bereits sehr früh und ließ ihn vorerst nicht mehr los.

Ich bin in Limburg an der Lahn aufgewachsen. Damals war Limburg im Hockey eine echte Hochburg und es war die einzige Sportart im gesamten Landkreis, die in der Bundesliga spielte. Daher hatte Hockey natürlich eine gewisse Präsenz. Mein Bruder fing dann mit Hockey an. Ich bin als vier Jahre jüngerer Bruder einfach nachgezogen und habe ein Jahr später mit etwa fünfeinhalb Jahren auch mit dem Hockey angefangen.

So früh Nils seine sportliche Laufbahn begann, so war sein Fokus aber anfangs nicht auf ein größeres Ziel oder den Erfolg im Hockey gerichtet. 

Meine Karriere hatte ich nie wirklich durchgeplant. Ich hatte einfach viel Spaß am Hockey und habe dadurch entsprechend viel Zeit investiert. Glücklicherweise haben meine Eltern das auch entsprechend unterstützt. Bereits mit 16 Jahren fing ich an, neben meinem Jugendtraining auch im Bundesliga-Team mitzutrainieren. Gespielt habe ich mit der zweiten Mannschaft in der Oberliga. Das war mein großes Glück. Ich konnte hier sehr viel Erfahrung sammeln, was für einen guten Torhüter mindestens 75 Prozent seines Könnens ausmacht. Wir wurden in der Jugend B, also mit 15/16 Jahren, Deutscher Meister im Feld und der Halle mit einem Team, dem im Club niemand viel zugetraut hätte. 
Nils war nicht der typische Torwart der auf seiner Linie stehen blieb. Hier 2001 im Finale der Deutschen Meisterschaft in Berlin / Quelle: Archiv Deutsche Hockey Zeitung

Bis er fester Torwart der Bundesliga wurde, sollte es noch einige Zeit dauern. Sein Spiel als Torwart war neuartig, für viele etwas riskant, aber revolutionierte die spielweise der Torhüter auch in anderen Ländern. Das erkannte sein Bundesliga Trainer, der gleichzeitig auch Nationaltrainer war aber lange nicht. Somit kam auch der Schritt zur Nationalmannschaft für Nils eher unverhofft. 

Die Nominierung für die Nationalmannschaft kam für mich persönlich eher überraschend. Im Juniorenbereich wurde ich nie beachtet oder nominiert. Nur bei einem Sichtungslehrgang war ich dabei, nachdem wir in der Jugend B Deutscher Meister geworden waren. In den Kader kam ich allerdings nicht. Mit der Begründung, weil ich bisher noch in keinem Kader gewesen sei, könne man mich den anderen Torhütern nicht vorziehen. Da hatte ich das Thema dann für mich eigentlich abgehakt. Auch habe ich mich selbst nie so stark gesehen, wie ich war. Irgendwann meinte ein Mannschaftskamerad zu mir, ob mir den gar nicht klar sei, dass ich wohl einer der besten Keeper der Liga sei und dass ich garantiert in die Nationalmannschaft käme? Das war es mir tatsächlich nicht. Aber kurz danach wurde ich dann wirklich nominiert. Es war erst mein zweites Jahr in der Bundesliga. 

In den folgenden Jahren machte er Erfahrungen an die er sich bis heute erinnert, die meisten im positiven, aber auch ein ihn bis heute nicht loslassendes Ereignis verbindet er mit seiner Zeit bei der Nationalmannschaft. 

Die Zeit in der Nationalmannschaft war wirklich unglaublich. Sowohl sportlich, als auch von den Erfahrungen neben dem Spielfeld. Ich war in Australien, Südkorea, Malaysia, Pakistan, Indien, … alles Länder, in die ich sonst niemals gekommen wäre. In Pakistan habe ich vor 60.000 Zuschauern gespielt, sowas ist in Deutschland völlig undenkbar im Hockey. 
Das Deutsche Nationalteam mit Nils beim 5 Nations Cup 1997 in Lahore in Pakistan
Meine größte Niederlage erlitt ich im Jahr 2000. Endlich war es so weit, dass der Trainer mir vertraute und ich war fest als Nummer 1 für die olympischen Spiele in Sydney nominiert. Aber 6 Wochen vor Abflug erlitt ich in einem Trainingslager einen Trümmerbruch im linken großen Zeh. Die olympischen Spiele waren damit für mich gelaufen. Und das durch die einzige Verletzung in meiner gesamten Karriere, die mich jemals zum pausieren gezwungen hat. Besonders bitter war, dass ich nach den olympischen Spielen ins Berufsleben eintauchen würde und damit meine Nationalmannschaftskarriere an den Nagel hängen musste. Diese Niederlage tut tatsächlich noch bis heute weh, 20 Jahre später. Ich liebe die olympischen Spiele, aber bei der Eröffnungsfeier kämpfe ich noch heute mit den Tränen.

Doch auch wenn er seine aktive Karriere für die Nationalmannschaft zu dieser Zeit beendete, war für ihn in der Bundesliga noch nicht Schluss. Er konnte kurz darauf den für ihn größten Erfolg seiner Karriere erkämpfen.  

Ich wechselte direkt nach den olympischen Spielen zu Rot-Weiß München. In einer der ersten Videobesprechungen ist mir gleich der Kragen geplatzt. Das Team diskutierte darüber, wie man dieses Jahr den Abstieg möglichst früh verhindern könne. Eine für mich völlig unsinnige Frage in dem Moment. Ich haute auf den Tisch und erklärte dem Team, dass ich nicht für den Abstieg gekommen sei.

Nils hatte mit dem Team andere Pläne und wollte in diesem Jahr den Deutschen Meistertitel holen. An diesem Ziel hielt er fest und sollte damit recht behalten. 

Wir wurden Gruppenzweiter, gewannen das Viertelfinale in Berlin in der Verlängerung und standen plötzlich in der Endrunde. Im Halbfinale schlugen wir den UHC Hamburg in der Verlängerung und im Finale, ebenfalls in der Verlängerung, das Team aus Dürkheim. Wir waren als erstes Münchener Team überhaupt Deutscher Meister im Hallenhockey. Aber das Team hatte mich zu Beginn der Saison wohl für total bekloppt gehalten. Da kam sicher viel zusammen. Auch, dass das Team das erste mal ein völlig neues Spielsystem spielen konnte, weil ich teilweise Aufgaben von Verteidigern mit übernommen habe und wir somit viel offensiver spielen konnten.
2001 wurde das Team um Nils Kowalczek Deutscher Meister im Hallenhockey / Quelle: Archiv Deutsche Hockey Zeitung

Doch während er den Erfolg in der Bundesliga nach seiner Beendigung in der Nationalmannschaft feierte, war es nicht immer einfach, zuvor den Sport zu finanzieren. Länderspielreisen und der Trainingsaufwand machten es nicht gerade einfach sich ein zweites Standbein aufzubauen und die Förderungen waren zu dieser Zeit auch noch nicht ausgereift. 

Während meiner Zeit konnte man mit dem Hockey noch gar kein Geld verdienen. Heute ist es immer noch nicht viel und reicht mit Glück, um das Studium zu finanzieren, aber damals war wirklich so gut wie nichts drin. Ich hatte 180 Mark Sporthilfe im Monat. Zu Beginn war ich noch in der Schule mit dem Abi beschäftigt und habe gleichzeitig sechs mal pro Woche trainiert. Anschließend bei der Bundeswehr war ich ein Jahr in der Sportfördergruppe, wo wir für den Sport sehr viel freigestellt wurden. 
Danach ging es nahtlos zur Bankausbildung bei der Deutschen Bank, die mir dann 1996 für die Vorbereitung auf die olympischen Spiele viel Sonderurlaub genehmigte. Aber die Inhalte musste ich trotzdem in der normalen Zeit lernen und eben nacharbeiten. Anschließend fing ich ein BWL-Studium an, welches ich dann auch in der Regelstudienzeit abschloss und das obwohl ich pro Jahr alleine mit der Nationalmannschaft etwa 150 Tage unterwegs war. Plus Bundesligaspiele und -training. Hier hatte ich Glück, dass mich meine Eltern finanziell unterstützen konnten, sonst wäre das nicht möglich gewesen. 
Als ich dann 2001 mit meinem Studium fertig war, stellte sich also die Frage gar nicht, ob ich weiter in der Nationalmannschaft spielen könnte, ich musste anfangen zu arbeiten. Aus sportlicher Sicht eine Katastrophe, denn ich war gerade einmal 26 Jahre alt und als Torwart mit Sicherheit noch nicht auf dem Höhepunkt meiner Leistungsmöglichkeiten. Aber in der Bundesliga habe ich zumindest noch fünf Jahre weiter gespielt.

Auch bis heute hat ihn seine Leidenschaft nicht losgelassen und der ehemalige Keeper hat auf einer anderen Position neue Herausforderungen gefunden.

Heute bin ich im Vorstand bei Rot-Weiß München und auch Torwarttrainer der Nachwuchskeeper. Selbst spiele ich auch noch bei der zweiten Mannschaft mit, allerdings mittlerweile als Stürmer und nicht mehr als Torwart. Ich hatte damals die Torwartausrüstung an den Nagel gehängt. Ich wusste, wenn ich jetzt weniger trainiere, kann ich nicht mehr so gut sein wie früher. Ich hätte mich dann nur ständig über meine Leistung geärgert und das wollte ich mir nicht antun. Als Stürmer hatte ich dagegen keine großen Erwartungen an mich selbst. Die konnte ich dann leicht übertreffen.

Doch auch abseits des Hockeyfeldes hält ihn die Leidenschaft zum Sport fest. Aus seinen eigenen Erfahrungen und dem Bewusstsein für die Entwicklungen im Sport hat er die online-Plattform Tinongo ins Leben gerufen. Um was es sich dabei genau handelt, hat er uns erzählt. Ihr erfahrt mehr darüber im zweiten Teil dieses Artikels, der bald hier auf Athlet.One erscheint.