Daniel Zeller: “Nach deinem 12-Stunden Tag steht dir ein Amerikaner gegenüber, der sich die ganze Woche nur auf das Spiel vorbereitet.”

Louisa

Was wenn deine Leidenschaft einem Sport gilt, der in anderen Teilen der Welt riesige Stadien füllt, und hierzulande eine vergleichsweise geringe Präsenz hat? Daniel Zeller spielt in der ersten Bundesliga Baseball bei den Stuttgarter Reds und hat im letzten Jahr für die U23 Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft gespielt. Doch in Deutschland ist es in seiner Sportart vergleichsweise mit dem Pendant in den USA schwer eine professionelle Karriere aufzubauen und mehr als eine Leidenschaft aus dem Sport zu machen. Doch Daniels Passion übersteht seit jeher diese Herausforderungen die ihm in seiner Sportart in Deutschland nun mal gegeben sind. Seine Begeisterung für den Sport geht bis zu seinen Spielen mit seinen Brüdern in jungen Jahren zurück, die allerdings, anders als er, nicht den professionellen Weg eingeschlagen haben.

“Ich denke der Unterschied zwischen mir und meinen Brüdern, war hauptsächlich mein Ehrgeiz. Meine Brüder waren zwar auch gut, mein kleiner Bruder war auch in ein/zwei baden-württembergischen Auswahlkadern dabei, aber nicht so erfolgreich. Beide haben mit dem Baseball aufgehört als bei ihnen das Studium anfing. Ihnen wurden die beruflichen Ziele wichtiger als die sportlichen Ziele. So viel wichtiger, dass sie dann auch umgezogen sind für ihr Studium.”

Daniel dagegen hat schon in frühen Jahren einen professionellen Pfad im Baseball eingeschlagen. Bereits mit dem U12 Team ging es für ihn auf die internationale Spielfelder, auf denen er Deutschland vertreten durfte.

“Es gibt amerikanische Organisationen, die eine Art Weltmeisterschaft für Altersklassen organisieren. In Amerika gibt es für jeden Staat Qualifier. Die besten Teams schaffen es dann zu dieser WM. International gibt es Qualifier für Europa, Afrika, Asien, Australien, wo sich dann die besten Teams für die WM qualifizieren können. Wir haben damals den deutschlandweiten Qualifier gewinnen können und deshalb Deutschland vertreten dürfen. Wir haben dann auch bei der Europameisterschaft gespielt. Mit 17 war ich dort wieder dabei, das war dann schon der Nationalkader anders als bei dem U12-Team wo wir einfach Deutschland vertreten durften. Aber so richtig nationalmannschaftsmäßig war ich zum ersten Mal bei der U23 dabei.
Quelle: Daniel Zeller
Gerade bei der U23 waren die meisten Spieler schon auf den Baseball-Internaten Regensburg oder Paderborn. Bei mir war es so, dass ich hauptsächlich im Verein gespielt habe, da ich dort sehr früh gefördert wurde. Mit 15 war ich bereits beim Kader des Bundesliga-Teams hier in Stuttgart dabei. Deshalb war ich nicht so viel bei den Baseball Camps und der deutschen baseball Akademie, wie vielleicht andere junge Spieler. Damals war ich noch so ziemlich das einzige junge Talent bei uns, das da so früh mitgemischt hat. Heute haben wir eine Baseball-Akademie in Stuttgart, wo viele junge Spieler mit viel Talent unterwegs sind. Ich war damals quasi der Erste.”

Ohne den Vorteil eines Internats, das Training und Unterrichtsplan unter einen Hut bringt,  musste Daniel in seinem Schulalltag häufiger zwischen Lernen und Training entscheiden, was ihm jedoch recht leicht fiel.

“Während der Schulzeit hab ich wirklich viel Zeit in meinen Sport investiert. Ich war quasi jeden Tag nach der Schule auf dem Sportplatz und am Wochenende war ich bei der Bundesligamannschaft dabei und hab dort gespielt. Ich habe wirklich sehr viel Zeit reingesteckt. Während der Schulzeit ging das so noch, weil ich nie so viel lernen musste.”

Doch auch wenn das Lernen nie das große Problem für Daniel war, muss ein junger Sportler besonders in den Beginnen des Leistungssport lernen auf viele Dinge zu verzichten, die für andere Jugendlichen ganz alltäglich sind und auch dazu gehören. 

“Selbstverständlich musst du während der Schulzeit schon viele Abstriche machen. Privatleben an sich ist halt schwierig. Wenn die ganzen Freunde dann Feiern gehen hast du eben immer Training und Samstag und Sonntag Spiele. Wobei das für mich an sich nie ein großes Problem dargestellt hat, weil mein Sozialleben auch total mit meinem Sport und Verein verankert war und ist. Ich hatte eben immer schon die gleichaltrigen Freunden im Juniorenteam und Teamkollegen aus der Herrenmannschaft.”

Nach der Schule kam dann der richtige Schritt von den Juniorenteams zu den Aktiven. Auch wenn er bereits sehr früh Erfahrungen bei den Älteren gesammelt hatte, spürte Daniel doch den Leistungsdruck der höheren Liga.

“Natürlich war das ganze drumherum einfach cool. Allein die Fahrten und die Hotelübernachtungen, aber hauptsächlich war es das Leistungsniveau und die Spielweise, die sich unglaublich von den Juniorteams unterscheiden. Man spielt auf einmal vor so vielen Zuschauern und das Niveau ist eben deutlich höher.”
Mit den Stuttgart Reds ist Daniel in der Bundesliga aktiv / Foto: Iris Drobny

Dieses höhere Niveau ist leicht durch die Eigenheiten des Baseball-Sports in Deutschland zu erklären. Als semiprofessionelle Liga stellt Deutschland nicht viele eigene Profi-Athleten in den regionalen Teams. Diese bestehen üblicherweise aus einigen Profis, viele davon aus dem Ausland, während der Rest des Teams eher auf hohem Amateurlevel spielt. Und in einem Sport wie Baseball, der sehr stark um direkte Duelle zwischen Pitcher und Schlagmann aufgebaut ist, kann das ein echtes Problem sein. Daniel erklärt das Prinzip im Vergleich zu einem Amateurspieler im Fußball.

“Wenn du einen guten Stürmer hast, musst du gegen den gut verteidigen, aber beim Baseball ist es so, dass es eigentlich immer ein Eins-zu-Eins-Duell ist. Und das spielst du eigentlich ausschließlich gegen Profi-Spieler, oder Spieler die in den USA kurz davor waren, einen Profi-Durchbruch zu haben und den knapp nicht geschafft haben. Als würdest du die ganze Zeit Elfmeter schießen und im Tor steht ein Profi-Torwart.”

Die Profis in den Teams stammen üblicherweise entweder aus der Nationalmannschaft, oder sind Profi-Spieler aus ausländischen Teams, die ihre jeweilige Off-Saison nutzen, um für lokale Teams angeworben zu werden. Für junge deutsche Athleten, die es im Baseball weit bringen wollen, ist es also besonders schwierig, mit Gegnern wie diesen.

“Wenn man als deutscher Jugendspieler großen Ehrgeiz hat und Talent hat, hat man würde ich sagen die besten Chancen, wenn man auf ein Sportinternat geht. Dort kommen regelmäßig hoch angesehene Scouts vorbei.”

Wer sich von Scouts anwerben lassen kann, hat eine Chance auf Baseball in den USA, wo der Baseball-Sport die größte Popularität hat. Natürlich ist von einem Scout entdeckt zu werden noch keine Garantie in der höchsten Liga der MLB (Major League Baseball) zu spielen.

“Die jungen Spieler fliegen dann in die USA und es beginnt ein langjähriger Prozess, wo man sich durch die Farmteams durchkämpfen muss. Dort verdient man kaum was und muss sich Jahr für Jahr behaupten. Wenn man besser wird, steigt man immer weiter auf. Wenn man gut ist und etwas Glück hat landet man irgendwann nach jahrelanger Arbeit auf dem Zettel eines Managers. Dann ist der nächste Schritt die MLB, der Traum eines jeden Sportlers der diesen Weg einschlägt.” 

Bei Farmteams handelt es sich um untere Ligen, die die größeren Vereine zum Teil zur Rekrutierung für die Major League nutzen. Die Chancen für einen deutschen Athleten, diese Reise zu schaffen, sind jedoch gering.

“Ich würde sagen, dass es bis jetzt zwei dutzend deutsche Spieler gab, die es in die USA geschafft haben. Ganz oben etabliert hat sich seither jedoch nur einer. Max Kepler, er spielt für Minnesota. Viele andere kommen nach zwei/drei Jahren zurück nach Deutschland.
Die Konkurrenz ist eben stark. Es gibt viele Spieler aus Mittelamerika und viele Amerikaner, die auf dem College waren und mit einfach Baseball groß geworden sind und von Anfang an in größeren Strukturen gespielt haben. Ein Spieler wie Max Kepler, der in Berlin angefangen hat, quasi beim Dorfverein, und es über mehrere Stationen ins Internat geschafft hat, das ist dann schon ein besonderer und außergewöhnlicher Werdegang.”

Trotzdem versuchen sich viele daran, in Amerika angeworben zu werden. Vor Tausenden von Menschen zu spielen ist natürlich der Traum von vielen jungen ambitionierten Sportlern. Eine Karriere im Baseball in Deutschland ist aber eben nicht mit der in den USA zu vergleichen. Der Sport genießt in Deutschland einfach nicht dieselbe Popularität wie in den USA. Es gibt ganz andere finanzielle Herausforderungen in den Strukturen des deutschen Baseballs. 

“Es ist schon ein bisschen ambivalent. Es kommen nicht wenige Zuschauer zu den Spielen auch in Deutschland. Trotzdem ist es so, dass Baseball ein teurer Sport ist und die Materialkosten hoch sind. Es gibt drei Schiedsrichter, die alle Anfahrtskosten haben, dann noch einen Scorekeeper und alles, da kommt schon was zusammen. Dazu kommen noch die Profi-Spieler und die Jugendarbeit. Am Ende bleibt für die Bundesligaspieler dann meist nur Fahrtgeld übrig.”

Doch Daniel ist auch nicht enttäuscht von dieser Tatsache, ebenso wenig seine Teammitglieder.

“Die Sache ist die, die Erwartungshaltung, dass man mit dem Baseball in Deutschland Geld verdient, hat bei uns auch keiner. Es ist schön, wenn man mal was bekommt, aber man ist nicht darauf angewiesen. Im Baseball in Deutschland ist es oft so, dass man bis Anfang oder Mitte zwanzig sehr aktiv im Sport ist. Neben dem Studium kann man sich das alles gut einteilen, wenn es dann aber in den Arbeitsalltag übergeht, entscheiden sich viele immer weniger Zeit in den Sport zu stecken, das geht oft auch gar nicht anders.”
Foto: Iris Drobny

In dem Wissen, dass eine Karriere im Baseball keine Sache ist, auf der man sich ewig abstützen kann, studiert Daniel zurzeit Lehramt Sport und Englisch, was manche Tage, an denen er morgens zur Uni und abends zu einem Spiel muss, nicht einfach zu koordinieren und bewältigen ist.

“Da gab es schon Situationen, wo ich freitags um acht an der Uni antanzen musste. Dort hatte ich Leichtathletik, bin bis nachmittags hin und her gependelt zum Seminar für Englisch, dann noch Sport. Dann musste ich in der Uni früher gehen, bin direkt zum Platz gefahren und dann noch drei Stunden nach Regensburg. Abends um 19 Uhr stand da dann ein US-Amerikaner, der dir die Bälle um den Kopf gefeuert hat und sich die ganze Woche genau darauf vorbereiten konnte. Und du stehst halt da und hattest schon einen Zwölf-Stunden-Tag. Das ist die Herausforderung, auf die man sich einlassen muss. Wenn es einfach wäre, dann könnte es ja jeder.”

Außerhalb dieser sehr aktiven Tage kann Daniel seinen Universitäts-Alltag und seinen Sport meist gut kombinieren, basierend auf präziser Planung um seine Off-Saison.

“Wir spielen richtig zeitintensiv von März bis Oktober. Dann gibt es die Winterpause. Bei mir ist es so, dass ich die meisten meiner Kurse auf den Winter gelegt habe. Im Winter gibt es auch Training, aber sehr viel selbstständiges Training im Kraftraum. So konnte ich das mit meinem Studium immer gut vereinbaren. Stressig wird es dann immer im Sommer, wenn viele Spiele auf dem Plan stehen. Das Lernen auf Prüfungen gestaltet sich dann eher schwieriger und es benötigt alles viel Disziplin. 
Gerade letztes Jahr, wo ich bei der U-23 Europameisterschaft war, da stand eigentlich meine Zulassungsarbeit auf dem Plan. Ich würde sagen, dass ich eine bessere Note als meine zwei erreicht hätte, wenn ich nicht bei dem Turnier gewesen wäre. Aber solche Sachen gibt es halt einfach und damit muss man zurechtkommen.”

Auch wenn Daniel sich darüber im Klaren ist, dass Baseball für ihn wahrscheinlich nicht auf ewig die einzige Karriere bleiben wird, freut er sich, den Sport auf diesem Niveau trotzdem ausüben zu können. Dennoch sieht er noch einiges an Potential in der Ausweitung des Baseballs in Deutschland und mit den Veränderungen und Erweiterungen der letzten Jahre wird sich die Lage der Disziplin in Deutschland vielleicht in den nächsten Jahren noch ändern.