Sergey Gross: “Jeder Sportler hat seinen eigenen persönlichen Weg.”

Mariel

Seit drei Jahren lebt Sergey in Deutschland, seit neun Jahren macht der gebürtige Kasache Eiskunstlauf. Seine ganze Jugend hat er seinem Sport gewidmet. Für ihn war es sein Weg den er für sich selbst gewählt hat.

Vor zehn Jahren lernte Sergey den Eiskunstlauf als Sportart kennen. “Ich habe die Olympischen Spiele 2010 in Vancouver verfolgt und dort habe ich das Eiskunstlaufen gesehen”, erzählt er. “Mich hat es so beeindruckt, dass es in diesem Sport sowohl eine sehr anstrengende und athletische, aber auch eine künstlerische Seite gibt. Seitdem habe ich von Eislaufen geträumt und wollte mein Leben auch mit diesem Sport verbinden.” 

Doch damals lebte er noch im Norden Kasachstans. Es gab dort zwar eine Eishalle, aber keine Sportgruppe geschweige denn einen Verein fürs Eislaufen. So musste Sergey seinen Traum erstmal vergessen. “2 Jahre später mussten meine Mutter und ich wegen ihrer Arbeit in eine andere Stadt ziehen. Zufälligerweise war unsere neue Wohnung neben einem großen Einkaufszentrum mit einer Eishalle. Dort habe ich dann mit Eislaufen angefangen.” 

Zuerst in einer Gruppe für Anfänger. Als sein Trainer sah, dass er aber ziemlich schnell lernte, bewegte er sich in Richtung Leistungssport. “Der Verlauf meiner Karriere ist wie eine Sinusfunktion”, beschreibt er die positiven aber auch negativen Aspekte seiner sportlichen Laufbahn. “Alleine die Tatsache, dass ich die Möglichkeit hatte Eislaufen zu können, war für mich sehr erfreulich. Ich habe viele neue Menschen kennengelernt, die mich als Person geprägt haben. Ich habe viele persönliche Fähigkeiten erlernt, die mir geholfen haben so zu sein, wie ich jetzt bin.”

Foto: Höppner Eislauffotos.de

Aber es gibt eben auch die negativen Erlebnisse. “Ich persönlich habe erlebt, dass in Sportarten wie dem Eislaufen die allgemeine Atmosphäre wirklich sehr angespannt ist. Es gibt die immer anwesende starke Konkurrenz, die meiner Meinung nach weit über das normale Maß hinausgehen. Auch meine Pubertätsphase war eine sehr schwere Zeit, weil ich ständig gewachsen bin und sich mein Körper dementsprechend ständig verändert hat.” Im Nachhinein nimmt Sergey diese Zeit als sehr anstrengend wahr. Das Training konnte nicht so einfach koordiniert werden, da sich seine körperlichen Voraussetzungen so rasch veränderten. Diese Schwierigkeiten paarten sich dann mit letztendlich schlechteren Ergebnissen, die den jungen Sportler natürlich nicht zufrieden sein ließen. “Aus dieser Abwärtsspirale resultierte dann zeitweise ein echtes Problem für mich bezüglich einer Störung meiner Ernährung, weil das Gewicht eben in meinem Sport eine große Rolle spielt.”

Der entscheidende Moment in seiner Karriere war der Umzug nach Deutschland im Februar 2017. Der Umzug hatte allerdings nichts mit dem Sport zu tun. “Wir sind als Spätaussiedler nach Deutschland gekommen, weil mein Stiefvater deutsche Wurzeln hat.” Mehrere Monate vor dem Umzug lernte der heute 19-Jährige zudem seinen heutigen Trainer kennen und erzählte ihm damals, dass er bald nach Deutschland umziehen würde. “Seit diesem Moment mache ich statt Einzellaufen Eistanzen, also mit einer Partnerin gemeinsam. Das war anfangs natürlich eine große Herausforderung, die wir aber sehr gut meistern konnten.” 

Die Eingewöhnung in Deutschland war aber nicht ganz so einfach. “Am Anfang war es schwer, weil das Trainingssystem in Europa ziemlich anders ist, als in meinem Heimatland. Ich wohne in Dortmund im Sportinternat, wo viele junge Sportler, auch aus anderen Sportarten, wohnen. Diese Zeit im Sportinternat war sehr reichhaltig und angenehm für mich und es gab sehr viele unvergessliche Momente.” Darunter natürlich auch viele Erfolge auf die Sergey stolz sein kann: Zweimal Landesmeister, Deutscher Vizemeister im Nachwuchs, Platz 5 bei den Deutschen Juniorenmeisterschaften und die Teilnahme an vielen internationalen Wettkämpfen. 

In Deutschland absolvierte er neben seinem Leistungssport sein Abitur am Goethe-Gymnasium in Dortmund. “Ich hatte keine Schwierigkeiten, den Leistungssport mit der Schule zu verbinden. Natürlich gab es Momente, in denen ich gerne 30 Stunden statt 24 in einem Tag zur Verfügung hätte, weil ich zeitlich ziemlich begrenzt war. Aber immer dann erinnerte ich mich daran, dass es meine eigene Entscheidung ist, meinen Leistungssport überhaupt zu machen. Ich denke mit diesem Bewusstsein ist es einfacher auch stressige Tage durchzustehen. Ich habe das ja immer für mich selbst gemacht.”

Bei seinem Sport konnte er stets auf die Unterstützung seiner Eltern zählen. “Sie unterstützen mich finanziell, da Eislaufen als Sportart sehr teuer ist. Auch bei Wettkämpfen stehen sie hinter mir und unterstützen mich egal mit welchen Ergebnissen ich einmal aus einem Wettkampf gehe. Das ist im Eislaufen nicht immer so. Es passiert sehr oft, dass  Eltern sehr streng zu ihren Kindern sind. Bei mir war das aber zum Glück nie der Fall.”

Und was war nun der schönste Moment für Sergey? “Jeder einzelne Wettkampf würde ich als den schönsten Moment in meiner Karriere benennen, sogar wenn es nicht so gut lief wie ich es gerne wollte. Denn aus jeder Situation habe ich etwas gelernt, was mich stärker gemacht hat. Aber auch die Tatsache, dass ich überall in der Welt Freunde durch meinen Sport gefunden habe, buchstäblich von Amerika bis Japan, ist ein schönes Gefühl. Ebenso besonders für mich ist, dass ich Menschen kennen lernen durfte, die in der Sportgeschichte sehr respektiert werden.”

Foto: Höppner Eislauffotos.de

Diese Freunde auf der ganzen Welt hat Sergey auch deswegen, weil er bei Wettkämpfen nicht ausschließlich an den direkten Konkurrenzkampf und das Ausstechen der Anderen denkt. “Ich denke um erfolgreich zu sein muss man sich ausschließlich auf sich selbst konzentrieren und nicht versuchen, jemanden anderen zu überholen. Denn jeder Sportler hat seinen eigenen Weg. Man muss nur alles dafür tun, um auf dem eigenen Weg das zu erreichen, was man will.”

Sergeys eigener leistungssportlicher Weg endet nun nach seinem Abitur vorerst. Um sich auf sein Studium zu konzentrieren, hat der 19-Jährige sich entschlossen mit dem Leistungssport aufzuhören. “Ganz vom Eislaufen trennen kann und will ich mich aber nicht. Ich bleibe im Sport und plane, eine Preisrichterausbildung zu machen. Außerdem trainiere ich noch zwei kleine Paare, die schon bei den NRW Landesmeisterschaften gestartet sind.” So möchte Sergey seine eigenen Erfahrungen die er in seinen Jahren im Leistungssport machte weitergeben.