Markus Rehm: “Lass dir nicht einreden, was du kannst und was du nicht kannst.”

Louisa

Mit 14 Jahren hatte der Leichtathlet und Wakeboarder Markus Rehm einen Unfall, bei dem er sein rechtes Bein verlor. Aufhalten ließ er sich davon aber nicht. Inzwischen hat er alle Titel paralympischer Leichtathletik-Wettkämpfe gewonnen und wurde sogar Deutscher Meister in der Klasse der olympischen Sportler. Sein Motto: lass dich nicht behindern. 

Quelle: Össur

Markus Rehm war schon als Kind sehr sportlich. Angefangen hat er klassisch mit Leichtathletik. “Als ich 13 Jahre alt war hat sich aber in meinem Dorf die Trainingsgruppe aufgelöst”, erzählt er. “Und irgendwann war Wakeboarden auch ein bisschen cooler.” So konzentrierte er sich mehr aufs Wakeboarden. Das kam nicht von ungefähr. “Meine Eltern hatten schon immer ein kleines Motorboot. In der Nähe von Würzburg hatten wir unseren Wohnwagen am Main stehen. So war ich von klein auf mit dem Wassersport in Berührung.”

So fing er an, das Wakeboarden intensiver zu betreiben, machte seine ersten Sprünge, bis es passierte. “Ich bin mit 14 Jahren bei einem Sprung gestürzt. Das nachfolgende Boot hatte mich nicht gesehen und dann bin ich mit dem Bein in die Schiffsschraube gekommen.” Markus wurde ins Krankenhaus gebracht, das Bein musste amputiert werden.

Plötzlich fehlt genau das, was man braucht, um Sportler zu sein

“Heute sehe ich das super entspannt. Damals war das anders. Ich war schon immer sehr sportlich. Ich war in der Schule der Schüler, der im Sportunterricht alles zeigt und immer vorturnt. Und auf einmal war ich irgendwie meiner Identität beraubt. Plötzlich fehlte genau das, was man braucht, um Sportler zu sein, ein gesunder und fitter Körper.” Für Markus war die erste Zeit nach dem Unfall hart. Auch deswegen, weil er selbst und auch sein Umfeld nicht wussten, wie sie mit der Situation umgehen sollten. “Ich habe dann aber relativ schnell gemerkt, dass viele Sachen trotzdem gehen. Sie gehen manchmal anders, aber ähnlich gut oder genauso gut wie vorher.”  Dabei half ihm vor allem auch seine Beinprothese. Um die richtig einzustellen oder sein Wakeboard anzupassen, war Markus oft mit seinem Vater in der Werkstatt. “Wir haben immer Lösungen gefunden.”

In der Zeit entwickelte er auch sein persönliches Motto: Lass dich nicht behindern. “Ich habe damals oft gehört “Das lässt du mal besser”, “Das wird nichts mehr” oder “Dafür müssen wir eine Alternative suchen.” Aber das ist genau das, was ich nicht wollte. Ich wollte genau das machen, was ich davor gemacht habe. Ich wollte Dinge nicht einfach sein lassen. Ich wollte keine Alternative, ich wollte ein ganz normales Leben führen, wie ich es auch davor geführt habe. Dabei ist wichtig: Man muss viel auf sich selber hören und ganz viele Sachen ausprobieren. Man muss immer neugierig bleiben und schauen, wie weit man es bringen kann. Lass dir von keinem einreden, was du kannst und was du nicht kannst.” Und tatsächlich ist die Prothese für Markus im Alltag kaum ein Thema. “Jeder der eine Brille trägt, für den ist die Brille hin und wieder im Alltag Thema. Ich denke im ähnlichen Umfang ist es bei mir die Prothese.”

Quelle: Össur


Ein Jahr nach dem Unfall stand ich wieder auf dem Wakeboard

So ließ sich Markus von seinem Unfall auch nicht entmutigen. Im Gegenteil, er wurde richtig angefixt. “Ein Jahr später stand ich wieder auf dem Wakeboard. Ich habe mir schon die ersten Gedanken gemacht über Tricks und zwei Jahre nach dem Unfall bin ich die ersten Wakeboard Contests gefahren.”

Der Weg zurück zur Leichtathletik war von mehreren Zufällen geprägt. Nachdem er die Leichtathletik mit 13 Jahren vorerst an den Nagel gehängt hatte, fing er mit 16 Jahren, also bereits nach seinem Unfall, in seinem Heimatdorf als Übungsleiter und Trainer an. “Eine gute Freundin von mir hat das Team neu aufgebaut und hat Hilfe gebraucht. Irgendwann habe ich die Gruppe ganz übernommen.” Aus anfangs 8 Kindern wurden über 30. “Das hat sich total toll entwickelt und hat sehr viel Spaß gemacht.” Kurz darauf wurde Markus durch einen Artikel von einer Stiftung entdeckt, welche ihn zu einer Messe einluden. “Da sollte ich ein bisschen zeigen, was man mit einer Prothese so alles machen kann. Ich habe auf einem Trampolin mit dem Wakeboard an den Beinen ein paar Tricks gezeigt.” Dort sprach ihn dann ein Athlet aus Leverkusen an. “Er hat mich angesprochen und meinte, du siehst so sportlich aus, hast du nicht Bock, Leichtathletik zu machen? So ist das alles entstanden.” Dann kam eins zum anderen.

Markus Rehm räumte im paralympischen Bereich alle Preise ab

Kurz darauf kam das konkrete Angebot von TSV Bayer 04 Leverkusen professioneller in die Leichtathletik einzusteigen. “Das war eine Riesenchance! So eine bekommst du nicht so oft im Leben. Also bin ich hingezogen, habe das ganze gestartet und alles dem Sport untergeordnet. Ich wollte mal schauen, was ich mit dem Sport so alles erreichen kann.”

Der aktuelle Weltrekord und seine Bestweite liegen bei 8,48 m / Quelle: Össur

Und Markus konnte so einiges erreichen. Seine Erfolge im Weitsprung und dem Laufen sind mittlerweile nicht mehr zählbar. Mehrfach Gold bei den Paralympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften. 

“Eines der emotionalsten Erlebnisse waren die paralympischen Spielen 2012 in London. Das war für mich der erste große Triumph, bei so einem großen Event auf dem Treppchen oben stehen zu dürfen. Meine Familie war dort, die mich auf dem ganzen Weg dorthin begleitet haben. Das war für mich emotional eine ganz besondere Medaille und ein besonderer Moment.”

2014 der nächste Höhepunkt: als erster paralympischer Athlet durfte Markus bei den Deutschen Meisterschaften der olympischen Athleten antreten. “Das Ding zu gewinnen war natürlich ein krasser Erfolg. Wobei ich in dem Moment auch ein bisschen Angst hatte vor dem, was danach passiert. Denn die Diskussion war wahnsinnig groß. Da wusste ich genau, der Wettkampf ist beendet, und jetzt gehts ab. Jetzt musst du den Kopf herhalten für viele Dinge. Das war spannend aber auch emotional sehr hart, weil man viel mit Kritik umgehen muss.”

Techno-Doping? Im ersten Moment ärgerte mich die Debatte tierisch

Konkret ging es um die Debatte, ob seine Prothese ihm Vorteile verschaffen würde im Gegensatz zu anderen Sportlern. “Im ersten Moment ärgerte mich die Debatte tierisch. Ich arbeite hart an mir, werde immer besser und bringe immer Ausnahmeleistung und plötzlich bekommt man dafür Kritik. Das fand ich am Anfang schon komisch. Ich verstehe die Debatte, sie muss geführt werden und sie darf auch sehr sehr kritisch geführt werden. 

Aber am Anfang fand ich die ganze Kritik sehr schade, besonders da viel von Techno-Doping die Rede war. Und von Doping möchte ich mich absolut distanzieren. Zumal ich ja keinen Vorteil haben will, es hat sich eben so in meinem Leben entwickelt, dass ich meine Beinprothese tragen muss. Ich möchte mir dadurch ja nicht gezielt einen Vorteil verschaffen.” Wenn es zudem so einfach wäre, mit einer Beinprothese weiter zu springen als andere Sportler, argumentiert Markus weiter, wo seien dann die anderen Athleten, die so weit springen? “Manche sehen einfach nur, dass ich weit springe und eine Prothese haben, und denken, der muss davon ja einen Vorteil haben. Das tägliche harte Training die dahinter steckt wird dabei leider oft außer Acht gelassen. Aber mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt und kann so Argumente ignorieren.”

Ein wenig lässt er sich davon auch anspornen. Seine nächstes Ziel ist nämlich neben dem Paralympischen Spielen in Tokyo 2021 auch der olympische Freiluftrekord. “Der liegt derzeit bei 8,54 Meter. Das wäre schon cool den zu brechen. Ich dachte, das ist doch super, wenn ein paralympischer Athlet weiter springt, als ein olympischer.”

Anderen Vorbild zu sein ist eine große Motivation

Damit das auch klappt, braucht es die richtige Motivation. Die findet Markus auch darin, anderen ein Vorbild zu sein. “Es gibt da einen Jungen, auch er trägt eine Prothese und ist ein großer Fan von mir und will alle meine Wettkämpfe sehen. Immer wenn es ihm schlecht geht, schaut er sich eines meiner Videos an. Wenn man sowas weiß, ist das die beste Motivation, die Kritik zu vergessen und einfach nur das Beste zu geben. Nach den Spielen in Rio kam der kleine Junge zu mir mit einem Bild “Markus bei den Paralympics. Er nahm mich in den Arm und sagte: “Ich bin so stolz auf dich.” Da musste ich mit den Tränen kämpfen.” 

Die ganzen Erfolge wären ohne die richtige Beinprothese nicht möglich. Inzwischen ist Markus Orthopädietechniker und kann seine Prothese somit selbst einstellen oder gar reparieren. Auch das war letztlich eher ein Zufall. “Ich wäre zu dem Beruf nie gekommen, ich wusste nicht, dass es sowas gibt, ehrlicherweise. Ich habe meine Prothese nicht sonderlich geschont und habe sie belastet, wie ich auch ein gesundes Bein belasten würde. Das war zu viel für das Ding und dann ist die halt kaputt gegangen.” Und das nicht nur einmal. “Deswegen war ich wirklich regelmäßig bei meinem Techniker. Irgendwann meinte der im Spaß: Wenn du sie jetzt noch einmal kaputt machst, dann machst du deinen Scheiß selber.” 

Die Entwicklungen im paralympischen Sektor sind wirklich toll

Es kam, wie es kommen musste. Die Prothese war mal wieder zerlegt. “Da meinte mein Techniker: ab in die Werkstatt, wir machen das jetzt zusammen.” Wobei sich Markus ganz geschickt anstellte, sodass ihm der Techniker direkt einen Ferienjob anbot. “Das hat mir direkt so viel Spaß gemacht, dass ich kurz darauf meine Ausbildung anfing und ich mache es heute noch ziemlich gerne.” Allerdings kommt er weniger dazu. “Früher war der Sport das Hobby, heute ist der Job das Hobby. Gerade am Anfang konnte ich vom paralympischen Sport nicht leben. Da war die Arbeit viel wichtiger. 2011 habe ich meinen Meister gemacht. Die ersten eineinhalb Jahre habe ich Vollzeit gearbeitet, was mit dem Training nebenher echt hart war. Schon die Meisterschule war mit dem Training für London nicht gerade einfach. Seitdem arbeite ich weniger, vielleicht noch drei Tage im Monat.”

Quelle: Össur

Das liegt daran, dass sich Markus inzwischen voll auf seinen Sport konzentrieren kann. Das wiederum hängt damit zusammen, dass es im paralympischen Sport eine große Entwicklung gab in den letzten Jahren. “Die Entwicklung ist wirklich toll. Mittlerweile gibt es bei uns auch Sportförder-Plätze bei der Bundeswehr und beim Zoll. Die Prämien bei den Olympischen und Paralympischen Spiele sind angeglichen. Auch die Förderungen der Sporthilfe sind zum Teil angeglichen. Es ist noch Luft nach oben aber wir sind auf dem richtigen Weg.”