Linus Erdmann: Durch das viele Reisen fühle ich mich wohl, egal wo ich bin. Hauptsache am Meer oder im Wasser!

Louisa

Linus Erdmann ist 24 Jahre alt und einer der besten Kite-Surfer Deutschlands. Sechs Mal wurde er Deutscher Meister. Trotzdem hat auch er zu kämpfen, weil sein Sport immer noch als Randsportart gilt. Linus hofft, dass sich das 2024 ändert. Dann soll Kite-Surfen Olympisch werden. Mit seiner eigenen Firma unterstützt der den Deutschen Nachwuchs schon jetzt, gut vorbereitet zu sein.

Zum Wassersport kam Linus schon sehr früh. 

Meine Eltern haben mich stark geprägt und früh auf dem Weg zum Wassersportler begleitet. Bereits als Baby bin ich auf dem Surfboard von meinem Vater gekrabbelt, mit sechs Jahren war ich dann das erste Mal selber surfen. Mit dem Grundwissen von Wakeboarden und Windsurfen war der Schritt zum Kite sehr einfach. Mit neun Jahren war ich dann das erste Mal Kitesurfen in Tarifa, Südspanien.

Seitdem ist er davon nicht mehr losgekommen. Ihn fasziniert bei seiner Sportart vor allem eine Sache. 

Im Vergleich zu anderen Surfsportarten kann man sich beim Kitesurfen maximal frei bewegen im Einklang mit der Natur. Egal ob ich bis zu 30 Meter hoch springe oder mehrere hundert Kilometer weit gegen den Wind fahre. Die Effizienz von Kiteboard und Lenkdrachen ist enorm! Für mich sind es die Freiheit und Vielseitigkeit im Kitesurfen, die den Sport nie langweilig werden lassen. Dazu kommt die riesige Community an Kitern, die stetig wächst und immer mehr verknüpft wird.
Foto: Michael Philipp Bader

Kitesurfen ist sehr vielseitig und bringt grundsätzlich drei verschiedenen Disziplinen mit sich, die mit verschiedenen Boards ausgeübt werden: Freestyle, Race und Slalom.

Meine Disziplin ist Freestyle-Kitesurfen. Dabei geht es darum, in Perfektion schwierige Sprünge auszuführen, die turnerischen Tricks gleichen. Man braucht ein hohes Maß an Körpergefühl und Kraft sowie eine saubere Technik und das Verständnis für den Kite. Gewertet werden die Tricks nach Schwierigkeit und am Ende gibt es einen Sieger, der nach einem K.O.-System durch Punktevergabe hervorsticht.
Racing und Slalom sind beides Disziplinen, bei denen es um Geschwindigkeit geht. Wer zuerst ins Ziel kommt, hat gewonnen. Entscheidend ist hier vor allem die Material-Wahl und Wettkampf-Taktik. Das körperliche Können ist nicht so stark von Bedeutung. Deswegen fahre ich diese Disziplinen nur aus Spaß mit.
Eigentlich gibt es noch eine weitere Disziplin. „Big Air“, also hohe Sprünge, bilden noch eine eigene Kategorie im Kitesurfen, die nicht mit Freestyle gleichzusetzen ist. Es wird ähnliches Material verwendet aber das Ziel ist, hoch zu springen und dabei Elemente aus dem Freestyle mit einzubringen. Auch hier gibt es wieder Punktevergabe und ein K.O.-System. Da es aber nur wenige Tage im Jahr gibt, bei denen ein solcher Wettkampf sinnvoll ist, findet man bis auf den „King of the Air“-Event in Kapstadt kaum welche. Als guter Freestyler beherrscht man jede der Disziplinen fast automatisch und kann ganz vorne mitmischen, auch ohne ernsthaft für die anderen Disziplinen zu trainieren.
Foto: Cassian Kallies

Über seine Karriere spricht Linus nicht so gerne, denn ihm fällt es schwer, seinen Lebenslauf als “Karriere” zu bezeichnen. Schließlich hat er Zeit seines Lebens nur gemacht, was ihm Spaß gemacht hat.

Wenn ich so zurückblicke, wird mir klar, dass ich von früh auf die besten Voraussetzungen hatte. Meine jungen Eltern waren definitiv der Grundstein des Ganzen, dazu kam die Leidenschaft meines Vaters zum Wassersport. Mit jedem Jahr habe ich rasante Fortschritte gemacht und alles in meinem Leben darauf angesetzt, aufs Wasser zu kommen. Keine persönliche Herausforderung, aber dennoch eine nervige Pflicht, war die Schule für mich. Mein Fokus lag immer schon auf dem Kitesurfen und was dazu gehört. Mit 14 Jahren war ich durch meine Sponsoren zu einem selbstständigen Freelancer geworden und stand so oft im Konflikt mit schulischen Verpflichtungen. Dennoch habe ich problemlos ein gutes Abitur hingelegt, um mit einem reinen gewissen meinen Alltag gestalten zu können wie es mir passt.

Inzwischen ist Linus sechs Mal Deutscher Meister im Freestyle Kitesurfen sowie amtierender Vize-Slalom-Meister. Und das, obwohl er bei seinem Training auf sich alleine gestellt ist. 

Kitesurfen als Sport ist kurz davor, sich zu professionalisieren indem es 2024 Olympische Disziplin wird. Bis dahin ist aber erstmal jeder auf sich selber angewiesen und nur langsam werden Gelder vom Land und Bund zur Kaderbildung zur Verfügung gestellt. Um den ganzen Prozess nicht sich selbst zu überlassen, habe ich einen Kitesurf Verein gegründet (Kitesurf Club Deutschland e.V.). Zusammen mit dem K.C.D. und meiner Firma „Children of the Sea“ veranstalten wir Coaching Events und Wochenenden, um in allen Disziplinen den deutschen Nachwuchs zu fördern. Mein gesammeltes Wissen über die vielen Jahre im Training und meine Erfahrung im Wettkampf teile ich über diese Kanäle mit der Jugend im Kitesurf Sport.
Foto: Serge Riedener

Bisher dreht sich bei Linus alles ums Kitesurfen. Und so schnell soll sich das auch nicht ändern.

Ich möchte gerne meinem Sport treu bleiben. Ich fühle mich hier tief verwurzelt, weil ich schon früh mit dabei war. Die Branche entwickelt sich stetig und Kitesurfen wird zur Trendsportart. Ein Studium will ich nicht ausschließen, aber aktuell habe ich zu viele Projekte und Möglichkeiten, mich im Kite-Sport weiterzuentwickeln.
Wie in anderen Randsportarten ist auch das Budget im Kitesurfen sehr knapp bemessen und alleine von Meisterschaften kann man nicht überleben. Das Konzept muss vielschichtig sein und man muss in der Branche auch die Masse bedienen. Für mich ist aber klar, dass ich das Kitesurfen so schnell nicht aufgeben werde.

Seine Trainingsspots liegen überall auf der Welt. So hat Linus seine eigene Definition von Zuhause.

In den letzten Jahren bin ich gemeinsam mit meiner Verlobten Lonia Häger durch die Welt gereist für die Kitesurf-Tourismusagentur KiteWorldWide. Wir sind seit einem Jahr in Tunesien als Stationsleiter für das Kitecenter vor Ort und planen den Winter über dort zu bleiben. Die Sommermonate sind in Deutschland super, weswegen wir ein Wohnmobil gekauft haben mit dem wir durch den Norden fahren und Events veranstalten. Zuhause ist, wenn wir zusammen sind, egal wo auf der Welt. Durch die vielen Jahre des Reisens fühle ich mich immer wohl, egal wo ich bin. Hauptsache am Meer oder im Wasser!
Die Strände dieser Welt sind Linus' Zuhause. / Foto: @14dani01

Linus möchte seinen Erfolg und seine Erfahrung nutzen, um junge Talente zu fördern. Deswegen gründete er “Children of the Sea”.

Der Name steht für ein Leben am und auf dem Wasser. 2015 starteten wir einen Roadtrip quer durch Europa mit einer handvoll junger Wasser- und Boardsport Enthusiasten. Von Beginn an haben wir unsere Aktionen in Videos und Fotos auf unseren Social Media-Kanälen veröffentlicht und konnten so nicht nur Fans, sondern auch Sponsoren für das Projekt begeistern. Die Aufmerksamkeit ermöglichte es uns, weitere Reisen zu unternehmen, zu trainieren und neue Ideen und Projekte zu verwirklichen. Heute verknüpft Children of the Sea diesen Lifestyle mit der Förderung junger Talente, gemeinschaftlicher Aktivitäten und einer gesunden nachhaltigen Lebensweise.

2024 wird Kiten Olympisch. Für Linus ist das ein wichtiges Zeichen für seinen Sport und seine Leidenschaft.

Olympia bringt neuen Wind in den Sport! Die offizielle Anerkennung als Olympische Disziplin befördert die Sportart in den professionellen Bereich. Es wird lediglich die Disziplin Racing auf dem Hydrofoil anstatt einer Segelklasse mit aufgenommen. Für mich wäre es interessant daran teilzunehmen, allerdings sehe ich mich eher als Trainer und Coach für den Racing-Olympia Bereich. Bis es soweit ist bin ich auch schon deutlich älter und da Racing nicht mein Steckenpferd ist, weis ich noch nicht, ob ich dabei sein werde. Dennoch finde ich den Schritt richtig und notwendig, weswegen unser Verein gezielt Camps und Trainings ermöglicht, um Deutschland bei Olympia auch im Kitesurfen gut zu vertreten.

Trotz dem, dass der Kitesport auf einem aufsteigenden Ast ist, gilt er immer noch als Randsportart. Wie viele andere Randsportarten auch, erhält das Kiten immer noch wenig Unterstützung.

Die Unterstützung aus dem Segelverband ist bescheiden, aber vorhanden. Wir bekommen mit Bojen und Booten zumindest realistische Trainingsbedingungen und Möglichkeiten. Für den Ausbau und Umfang des eigentlich notwendigen Coachings brauchen wir weitere Unterstützung vom Bund und den Ländern. Als gemeinnütziger Verein tun wir unser bestes, um Kitesurfen auf dem Weg zu Olympia zu begleiten. Der Segelverband sieht ebenfalls das enorme Ausmaß der Sportart und dessen Potenzial, weswegen wir uns mehr Beistand erhoffen.

Seine nächsten Ziele hat Linus klar im Blick.

In Deutschland möchte ich Kitesurfen auf dem Weg zum Profi-Sport begleiten, als Coach und Trainer. An Meisterschaften werde ich selber auch noch teilnehmen, aber verstärkt mit dem Fokus auf den Nachwuchs. Im Ausland planen wir weiterhin die Leitung vom KiteWorldWide Pro-Center auf Djerba über die Wintermonate und dessen Ausbau. Die Teilnahme an Olympia ist noch ein großes Ziel für mich, doch ob ich selber an den Start gehe oder als Trainer ist aktuell noch offen.