Linn Kleine: “Ich bin unglaublich dankbar, dass sich die Arbeit der letzten Jahre jetzt auszahlt.”

Mariel

Linn Kleine ist in Hamm geboren und hat eine Leidenschaft: das Laufen. Im Sportinternat Dortmund trainiert sie vor allem für ihre Spezialität, den Langstreckenlauf. Inzwischen hat die 19-Jährige mehrere Deutsche Meistertitel und feiert auch international Erfolge.

Ihre Leidenschaft entdecke Linn schon sehr früh: “Schon im Grundschulalter habe ich mit der Leichtathletik in einem Breitensportverein begonnen. Bei den Bundesjugendspielen oder dem Sportabzeichen hat mich das Laufen schon immer am meisten fasziniert. Vor allem das längere Laufen lag mir von Anfang an.” Sie trainierte fleißig und konnte bereits mit 16 Jahren zum ersten Mal an Deutschen Meisterschaften teilnehmen. 2017 konnte sie dabei direkt vier Titel erlaufen in den Kategorien Cross im Einzel und der Mannschaft, 3000m und 3x800m-Staffel. Ein Jahr später qualifizierte sie sich für die U18 EM in Györ, Ungarn, und belegte dort den vierten Platz über 3000m. Durch ihre gezeigte Leistung durfte sie einige Wochen später auch bei den Olympischen Jugendspielen in Buenos Aires, Argentinien an den Start gehen. 2019 konnte sie bei der U20 EM in Boras, Schweden, den sechsten Platz über 5000 m erlaufen. “Bei allen meinen internationalen Einsätzen durfte ich wertvolle Erfahrungen sammeln und viele bekannte Topathleten kennenlernen, wofür ich sehr dankbar bin”, erzählt sie.

Linn bei bei der U18 EM in Györ /Foto: Beautiful Sports

Dass sie für alle Wettkämpfe und Trainingslager ausreichend Zeit hat, verdankt Linn ihrer Schule. “Bisher habe ich das Goethe-Gymnasium in Dortmund besucht, das meine sportliche und schulische Laufbahn perfekt in Einklang gebracht hat. Beispielsweise konnte ich durch meine Schulzeitstreckung auf 13 Schuljahre den Unterricht und mein Training ideal kombinieren, ohne in der Schule oder auf dem Sportplatz Abstriche machen zu müssen.” 

Ihr Training ist mehrmals täglich fester Bestandteil ihres Alltags. “Deshalb ist es mir bisher immer gut gelungen, meinen Sport mit meinen schulischen Ansprüchen zu verbinden. Unter anderem ermöglichte mir die Schule morgens Frühtraining anstelle des Fachunterrichts, stellte mich für Wettkämpfe frei und bot mir zusätzlichen Unterricht an, um verpasste Inhalte lückenlos aufzuarbeiten. Selbstverständlich muss ich in meiner Freizeit wegen des Leistungssports viele Abstriche machen, die vielleicht zum normalen Jugendalter dazu gehören.” Jedoch gibt ihr der Sport auch einiges zurück. “Ich darf für Trainingslager rund um die Welt reisen, andere Kulturen und Sprachen kennenlernen und viele meiner Vorbilder persönlich treffen.”

Dass ihre schulischen Leistungen unter dem Sport nicht zu leiden haben, zeigt ihr Abschluss. “In diesem Jahr habe ich mein Abitur mit 883 Punkten bestanden. Somit stand am Ende ein Abiturdurchschnitt von 0,76, der offiziell aber auf 1,0 gerundet wird. Bei der Bekanntgabe der Ergebnisse war ich zuerst sprachlos und noch heute bin ich dabei, das zu realisieren. Ich bin unglaublich dankbar, dass sich die Arbeit der letzten Jahre jetzt auszahlt.”

Foto: Frank Zeising

Leider stand 2020 abseits davon unter keinem allzu guten Stern für sie. “Im März plagten mich schreckliche Rückenschmerzen, die mir Stehen, Gehen oder gar Laufen unmöglich machten.” Nach einigen Wochen unter Schmerzmittel wurde dank eines MRTs ein Ermüdungsbruch im Becken diagnostiziert. “Glücklicherweise konnte ich mich über viel Alternativ- und Krafttraining sowie Yoga fit halten. Mittlerweile ist die Verletzung auskuriert und ich bereite mich im Höhentrainingslager in St. Moritz, Schweiz, auf eine mögliche spätere Wettkampfsaison vor.”

Auch für sie ist die aktuelle Situation stark von der Corona-Pandemie beeinflusst. “Durch die sich täglich verändernden Hygienekonzepte und Schutzmaßnahmen ist es kaum möglich, einen festen Wettkampfplan zu erstellen. Ursprünglich war es mein großes Ziel für 2020, bei der U20 WM in Nairobi, Kenia, an den Start zu gehen.” Dieser Plan wurde allerdings sowohl von ihrer Verletzung als auch von COVID-19 durchkreuzt. 

Doch es wird auch eine Zeit nach der Corona-Pandemie geben und auch dafür hat Linn schon ihre Pläne. “Langfristig träume ich davon, auch bei den Erwachsenen einmal international auflaufen zu dürfen, zum Beispiel bei einer Europa- oder Weltmeisterschaft. Darauf ist meine Trainingsplanung für die nächsten Jahre ausgelegt. Natürlich sind auch die Olympischen Spiele ein Traum, der schon lange in meinem Kopf herumgeistert. Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich davon aber noch ein Stück entfernt.”

Trotzdem kann sie schon auf eine beachtliche Karriere zurückblicken. “Wenn ich nach dem schönsten Moment meiner Karriere gefragt werde, denke ich vor allem an den vierten Platz bei der U18 EM über 3000m. Dort habe ich auch neben diesem tollen Wettkampf eine schöne Zeit mit der deutschen Nationalmannschaft verbracht. Auch ihr erster Start bei einer Deutschen Meisterschaft der Erwachsenen im Berliner Olympiastadion ist ihr langfristig im Gedächtnis geblieben. “Dort möchte ich gerne noch einmal auf der blauen Bahn an den Start gehen. Aber auch viele „kleine“ Momente möchte ich nicht missen: Ausflüge (zum Beispiel zum Grand Canyon in Arizona, USA) an Ruhetagen in Trainingslagern, das Runner´s High nach intensiven Tempoläufen, Wettkämpfe vor heimischem Publikum, morgendliches Training bei Sonnenaufgang und vieles mehr.”

Und auch wenn sie mit all ihren Wettkämpfen und Trainingseinheiten schon gut ausgelastet ist, engagiert sie sich parallel ehrenamtlich in ihrem Verein: “Ich trainiere zweimal wöchentlich die Schülergruppe der U10/U12. Es macht mir großen Spaß, die acht- bis elfjährigen Kinder auf ihrem Weg zu begleiten und meine eigenen Erfahrungen aus der Leichtathletik mit ihnen zu teilen. Ich möchte ihnen meine eigene Leidenschaft für Training und Wettkämpfe näher bringen.”

Foto: Ludger Heitmann

Einige Sportler verbringen viel Zeit im Ausland, weil sie dort bessere Trainingsmöglichkeiten haben, oder neue Erfahrungen sammeln wollen. “Zwar verbringe ich aufgrund vieler Höhen- und Klimatrainingslager jedes Jahr viel Zeit im Ausland - besonders in den USA, Spanien und Italien hat es mir bisher immer gut gefallen - jedoch plane ich nicht, in näherer Zukunft ganz ins Ausland zu ziehen. Meiner Meinung nach sind auch in Deutschland die Voraussetzungen für den Leistungssport und ein Studium gut.”

Jeden Tag trainiert Linn stundenlang auf der Tartanbahn, im Wald oder auch im Kraftraum. Ein wichtiger Ankerpunkt und eine Stütze ist dabei ihre Familie. “Meine Familie spielt für mich eine große Rolle, wenn es um finanzielle und besonders mentale Unterstützung geht. Neben meinem Trainer und meiner Trainingsgruppe ist es hauptsächlich meine Familie, die mir an schlechten Tagen meine Ziele vor Augen führt und mich motiviert, dafür zu kämpfen. Ich freue mich immer über den Rückhalt meiner Eltern und Auszeiten, die ich mir gelegentlich im Kreise meiner Familie in meiner Heimat Hamm nehmen kann.”

Im Laufe ihrer Karriere ist ihr schnell eine Sache klar geworden: “Es geht bei keinem Leistungssportler permanent bergauf. Es gibt im Laufe jeder Karriere Tiefschläge wie Verletzungen oder Misserfolge, aus denen man aber gestärkt hervorgehen kann. Ich denke, dass der Umgang mit solchen Tiefschlägen entscheidend ist. Einen Leistungssportler zeichnet es aus, auch in schwierigen Zeiten den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern weiter an seinen Träumen festzuhalten. Darüber hinaus glaube ich fest daran, dass Erfolg im Sport zu einem großen Teil Kopfsache ist. Diese mentale Ebene wird leider von vielen auch heute noch unterschätzt. Aber ich bin mir sicher, dass in Zukunft auch der sportpsychologische Bereich noch stärker von vielen Athleten zur Leistungssteigerung genutzt werden wird.”