Leonie Fiebich: “Ich habe es natürlich gehofft, aber damit gerechnet nicht wirklich.”

Louisa

Die junge Basketballerin ist die zweite im Bunde die im kommenden Jahr von der deutschen in die stärkste Liga im Frauen Basketball, die WNBA wechseln wird. Leonie Fiebich wurde beim diesjährigen Draft-Day von den Los Angeles Sparks gedraftet. Der Wechsel in die USA ist ein großer Schritt in der Karriere der 20-Jährigen Nationalspielerin. Zwar wurde sie quasi in ihren Sport hineingeboren, mit dem Draft in diesem Jahr hatte sie jedoch selbst nicht gerechnet. 

“Ich habe eine Basketball-Familie und ich habe schon ganz früh angefangen. Ich wollte eigentlich immer nur zum Spaß spielen und habe das alles als Hobby genommen. Dann bin ich in die Bayernauswahl gekommen und alles wurde ein wenig ernster. Ich habe nach München gewechselt und dort auch in der Jugendbundesliga gespielt. Stück für Stück hat sich dann dann mein Ehrgeiz entwickelt. Mit dem Schritt von der zweiten in die erste Bundesliga wurde es dann professionell und das war mir natürlich auch bewusst. Aber von Anfang an war das absolut nicht so geplant. Ich hab nie gesagt: Ich muss unbedingt meinen Lebensunterhalt mit dem Basketball verdienen.”

Trotz dem dass der Fokus nicht von Beginn auf eine Profi-Karriere gelegt war, arbeitete sich Leonie von einem kleinen Verein zur Jugendbundesliga, in die Bundesliga der Aktiven und dem Nationalteam. Mit ihrem U18 Team konnte sie sich sogar den ersten Europameistertitel für Deutschland erkämpfen. Doch trotz diesem erfolgreichen Weg den Leonie bis jetzt schon gegangen ist, wollte sie sich nie ausschließlich auf ihren Sport konzentrieren. 

“Ich studiere an einer Fernuni Wirtschaftspsychologie im zweiten Semester. Das funktioniert eigentlich ganz gut, das ist ein Studium ohne Präsenzzeit. Ist echt cool, weil du dir halt alles selbst einteilen kannst. Trotzdem verpasst man den Universitätsalltag, das ist nicht so cool, aber wie gesagt, ich kann es halt perfekt an meine Trainingszeiten anpassen. Es gibt viele Standorte in Deutschland, wo ich dann die Klausuren schreiben kann. Ich schreibe aber hauptsächlich Hausarbeiten und so was.”

Denn dass eine Karriere nicht immer nur von Fleiß und Talent abhängt musste Leonie bereits am eigenen Leib erfahren. Eine falsche Bewegung, eine blöde Situation und schon ist die Arbeit der letzten Monate und Jahre erstmal auf Eis gelegt. Die junge Basketballerin musste sich schon von zwei Kreuzbandrissen zurückkämpfen, von einem erst kürzlich. 

“Ich war die ganze letzte Saison damit beschäftigt von meiner Verletzung zurückzukommen. Da verpasst du dann schon echt viel. Mein Comeback für Wasserburg hatte ich dann aber zum Glück im letzten Spiel bevor die Saison aufgrund von Corona vorzeitig abgebrochen wurde. Für mich war es ein wirklich gutes Gefühl nochmal zu spielen, bevor alles erstmal zu Ende war.”
Leonie im Trikot der Deutschen National Mannschaft / Foto: Thomas Brüning

Die Covid-19-Krise hat wohl so ziemlich jedem Sportler einen Strich durch die Rechnung gemacht. Doch für Leonie hieß das gleichzeitig der Beginn zu einem neuen aufregenden Abenteuer. Sie wurde relativ kurzfristig von amerikanischen College Coaches kontaktiert und ohne größere Vorwarnung, war sie plötzlich Teil des diesjährigen Draft Days der WNBA, der Women’s National Basketball Association. Bei diesem Event kämpfen die verschiedenen US Amerikanischen Vereine um junge talentierte Spielerinnen, um sie in ihre Teams aufzunehmen. Eine spannende Erfahrung für Leonie, aus der sie als Mitglied des Teams der Los Angeles Sparks hervorging.

“Ich nehme mal an, die Coaches sind durch die WM und hauptsächlich durch die Nationalmannschaft auf mich aufmerksam geworden. Als Erstes habe ich mit Connecticut gesprochen und der Coach meinte, er hat Videos von der WM und EM gesehen. Das hat ihm gut gefallen was er dort gesehen hat, aber ich müsste auch noch an einigem arbeiten. Ich war relativ weit unten auf der Pre-Draft-Liste, deshalb schätze ich mal, dass er danach mit anderen Coaches noch gesprochen hat. Denn dann haben die sich hintereinander gemeldet. So lief das alles ab. Mein letztes Gespräch hatte ich gerade mal vier Stunden vor dem Draft. Es war mit dem Headcoach von den LA Sparks. Ein cooler Smalltalk, ein cooler Typ. Ich habe am wenigsten mit LA gerechnet, weil sie sich erst so kurz davor gemeldet hatten. Der Draft selbst hat dann bei uns in Deutschland um ein Uhr in der Nacht begonnen und ich musste mich den ganzen Tag über so viel wie möglich beschäftigen, damit ich nicht zu viel dran denken muss.”

Mit ihrer erst vor kurzem erlittenen Verletzung hatte Leonie eine realistische Sicht auf ihre Chancen und versuchte an die Situation mit nicht allzu großen Erwartungen heranzugehen. 

“Ich hab es natürlich gehofft, aber damit gerechnet nicht wirklich. Ich bin nicht in den Draft gegangen und habe gedacht, ‘hey, wenn ich jetzt nicht gedraftet werde, bin ich super enttäuscht’. Ich hab es mir immer ein bisschen offen gehalten. Wenn es jetzt nicht passiert, wenn sie mich nicht draften, dann ist es total okay, dann geh ich einen anderen Weg. Deswegen war es für mich dann super überraschend, dass ich so früh gezogen wurde.”
Mit dem U18 Team der Nationalmannschaft holte Leonie bereits den EM Titel. Ab nächstem Jahr geht sie in den USA aufs Spielfeld. / Quelle: FIBA

Der Draft, der an sich ähnlich wie die klassische Teamwahl im Sportunterricht aufgebaut ist, wo jedes Team sich nach und nach eine der Spielerinnen aussuchen kann, endete für Leonie auf dem zweiundzwanzigsten Platz. Eine wirklich gute Zahl vor allem dafür, dass sie erst vor kurzem aus ihrer Verletzung zurückkam und zum ersten Mal bei dem Draft der stärksten Liga der Welt dabei war. Mit dieser Nacht in der Leonie ihren Namen gemeinsam mit dem Team der LA Sparks auf dem Bildschirm lesen konnte, wird sich zukünftig einiges für die 20-Jährige ändern. 

“Der Schritt von Deutschland nach LA ist schon echt ein riesiger, schon allein von den Meilen oder Kilometern her. Ich bin eigentlich ein sehr heimatverbundener Mensch, deswegen spiele ich auch hier in Wasserburg. Ich komme ursprünglich aus Landsberg am Lech das ist so eineinhalb Stunden weg. Ich bin echt froh, dass ich meine Familie um mich hab, in der Nähe, und freu mich jedes Mal wenn ich sie sehe und wenn sie mich besuchen. Deswegen wird LA für mich schon ein krasser Schritt werden. Aber nicht nur auf meine Familie bezogen, natürlich auch leistungsmäßig.“

Der Leistungsunterschied fußt darauf, dass die US-amerikanische Basketball-Frauenliga deutlich stärker ausgebaut ist als ihr deutsches Äquivalent. Daher ist es nicht nur von der Distanz her ein Sprung, wenn es dann erstmal so weit ist. Bis Leonie tatsächlich nach Los Angeles reist, wird noch ein wenig Zeit vergehen.

“Es ist noch total surreal, dass ich dort in Zukunft auflaufen werde. Dadurch, dass sich für mich jetzt noch nichts verändert und ich erst 2021 nach LA gehe, ist es noch wirklich weit weg. Klar, liegt mein Fokus schon auf der WNBA und ich trainiere jetzt schon ein bisschen anders um mich vorzubereiten, aber es ist trotzdem noch ein ganzes Jahr. Aber natürlich überwiegt in allem die totale Vorfreude. Dass ich dann mit den ganzen Superstars auf dem Feld oder im Training stehen werde ist komplett irre für mich, muss ich sagen.”

Aber ganz egal wie sich der Weg für die junge Basketballerin in der USA genau abzeichnen wird, ihre Geschichte zeigt schon jetzt, wie viel man erreichen kann, wenn man immer offen für neue Schritte und Herausforderungen ist, ohne sich dabei von seinen eigenen Erwartungen erdrücken zu lassen. Veränderungen bringen immer auch neue Stärken in uns hervor, wir sind gespannt wie sie Leonie in der stärksten Liga der Welt einsetzen wird.

Über ihre Nationalmannschaftskollegin Luisa Geiselsöder haben wir bereits berichtet, den Artikel findet ihr hier.