Julia Ritter: “Mit meinem Papa als Trainer bin ich Weltmeisterin geworden. Als Bundespolizei-Athletin habe ich heute ganz neue Möglichkeiten.” 

Louisa

Die Kugelstoßerin und Diskuswerferin Julia Ritter wurde 2015 U18-Weltmeisterin und 2017 U20-Europameisterin. Als geförderte Athletin bei der Bundesspolizei erhält sie tolle Möglichkeiten für die Gestaltung ihres Trainingsalltags.


Für Julia Ritter war von Kindesbeinen an klar: “Ich will Sportlerin werden.” So griff die heutige Kugelstoßerin und Diskuswerferin bereits mit vier Jahren zu ihrem runden Sportgerät. Das war damals allerdings nicht aus Metall. Es war ein Handball. Knapp zehn Jahre übte sie den Mannschaftssport aus, bevor sie 2012 zum Kugelstoßen und Diskuswerfen kam.

“Ich war in der Schule in einer Leichtathletik-AG”, erinnert sich Julia. “Da war ich dann irgendwie besser als jeder Junge.” Davon angestachelt schnappte sie sich ihren Vater, ging mit ihm auf den Sportplatz und nahm mal so eine Kugel in die Hand. “Wir haben gesehen, dass es schon ganz gut klappt”, erzählt Julia. Dass es wesentlich besser klappt als “ganz gut”, zeigte sich wenig später. “In meinem ersten Wettkampf habe ich die Norm für die “Westfälischen” gestoßen, in meinem zweiten Wettkampf bin ich Westfalenmeisterin geworden und dann kann man auch nicht mehr aufhören.”

Ein paar Jahre hat Julia die beiden Sportarten parallel ausgeübt. “Ich liebe Mannschaftssportarten und Einzelsportarten, aber im Einzelsport bist du einfach individueller”, erklärt sie. “Wenn du gut bist, bist du gut.”

Auch wenn sie mit ihrem Handballteam in der Jugendbundesliga spielte, merkte Julia irgendwann, dass sie im Kugelstoßen nicht nur besser ist, sondern auch, dass es dafür mehr Leidenschaft entwickelt hatte. Ebenso für das Diskuswerfen. So richtete sie ihren Fokus auf das Werfen und legte eine beispiellose Karriere an den Tag. 

“Dafür, dass ich bis 2015 fast nur mit meinem Papa trainiert habe, der gar keine Ahnung von der Leichtathletik hatte und auch kein ausgebildeter Trainer ist, sondern einfach nur mein Papa, ging meine Karriere schon steil bergauf.” 

Seit 2015 darf sich Julia U18-Weltmeisterin nennen und seit 2017 U20-Europameisterin. 

Julia holt 2019 bei der U23 EM Bronze. Ihre Familie ist immer unterstützend dabei. Rechts ihr Papa und ehemaliger Trainer. / Foto: Julia Ritter privat

“Das waren echt krasse Momente für mich. Weltmeisterin, das war mein erster Titel. Das sind Gefühle, die kann man nicht beschreiben. Aber der Europameistertitel war dann nochmal ein Highlight meiner Karriere. Ich musste da das erste Mal richtig um den Sieg kämpfen.” 

Bis 2016 vereinte Julia ihren Sport mit einer ganz normalen Schullaufbahn. Doch dann erzählte ihr eine Trainingspartnerin von der Athletenförderung bei der Bundespolizei. Schnell war Julia klar, dass sie genau dorthin wollte. “Ich habe im Mai 2016 mein Abitur gemacht, wusste aber schon im April, dass ich bei der Bundespolizei angenommen bin”, erzählt die Sportlerin froh. “Dann war das mit dem Abi auch ein bisschen einfacher, weil ich nicht mehr so unter Druck war.”

Im September 2016 fing ihre Ausbildung an. 3 Jahre lang ging es für sie jeweils für 4 Monate und im letzten Jahr ganze 6 Monate zum Bundesleistungszentrum und gleichzeitig zur Bundespolizeischule nach Kienbaum in der Nähe von Berlin. Für das ganz normale Leben eines jungen Mädchens bedeute das eine enorme Umstellung. Da Julia gebürtig aus Oberaden aus Nordrhein-Westfalen kommt, war es nicht so häufig möglich mal übers Wochenende nach Hause zu fahren. “Ich glaube ich kenne jeden Winkel in Kienbaum. Am Anfang ist das wirklich total idyllisch dort und jeder der das Bundesleistungszentrum kennt wird mir da zustimmen. Aber über 6 Monate hinweg immer auf dem Gelände zu sein, da gibt es nicht viel Abwechslung.” Doch für die ambitionierte Sportlerin war es trotzdem die richtige Entscheidung. “Die Möglichkeiten die man vor allem auch während der Ausbildung hat sind schon außergewöhnlich. Kienbaum ist einfach zu hundert Prozent auf den Leistungssport ausgelegt und wir hatten tolle Voraussetzungen für das tägliche Training.” Während dem sportartenspezifischen Training, welches die Sportler während ihrer Ausbildung in Kienbaum intensivieren können, durchlaufen sie die polizeifachliche Ausbildung.

Im Februar 2020 schloss sie ihre Ausbildung in Kienbaum ab und ist seitdem Polizeimeisterin. Sie wohnt seither im Haus der Athleten am Olympiastützpunkt in Wattenscheid. Mehrmals täglich kann sie für ihren Verein TV Wattenscheid dort nun gemeinsam mit ihrem Trainer Miroslaw Jasinski trainieren und kann sich voll und ganz auf ihren Sport konzentrieren. Lediglich 4 Wochen im Jahr müssen die Sportler an eine Dienststelle, ein Praktikum machen. Das ist jedoch auch auf die Wettkampfphasen abgestimmt.

“Das war absolut die richtige Entscheidung, weil es echt der beste Job ist, den du als Sportler haben kannst. Du hast so viel Freiraum zum Trainieren und es gibt echt nichts besseres meiner Meinung nach, gerade für Einzelsportler. Ich bin der Bundespolizei total dankbar, dass sie Sportlern wie mir diese Chance geben.”

Trotz abgeschlossener Ausbildung plant Julia sich aber weiter fortzubilden. Sie strebt in der Zukunft parallel zu der Laufbahn bei der Bundespolizei eine Ausbildung zur Sanitäterin an. “Ich interessiere mich schon immer für Medizin und das wäre auf jeden Fall etwas was ich mir gut vorstellen könnte.”

Die nächste Stufe auf ihrer Sportkarriereleiter wäre eigentlich im August die Europameisterschaft der Aktiven und damit ihr erster Wettkampf bei den Erwachsenen. “Aber man weiß ja nicht, was da jetzt kommt”, sagt Julia. “Mein größtes Ziel sind auf jeden Fall die Olympischen Spiele 2024 in Paris. Denn jeder Athlet will mal bei Olympia dabei sein. Ich glaube es gibt nichts Größeres für das es sich zu arbeiten lohnt.”

Die Zeit der Corona-Krise ist für die Sportlerin sehr schwer. “Ich will nicht meckern, es geht ja wirklich um unsere Gesundheit”, sagt Julia. “Aber der Sport ist unser Job und wenn es dann nicht die Möglichkeit gibt, vernünftig zu trainieren, und trotzdem Olympia noch offen ist und uns keiner wirklich sagt, was jetzt passiert, dann ist das alles ein bisschen schwierig.” Das Trainingslager in der Türkei ist abgesagt, ebenso die European Winterwurf Challenge, für Werfer eine Art Mini-Europameisterschaft.

“Wir trainieren jetzt erstmal normal weiter so gut es geht, weil was willst du machen? Wenn es weitergeht fragt niemand danach wie und wo wir die letzte Zeit trainiert haben. Dann zählt wieder die Leistung und die Weite die am Ende hinter deinem Namen steht.” 

Julia für ihren Verein TV Wattenscheid /Foto: Marci Merkel @mmerkel_photography