Carl Dohmann: “Ich konzentriere mich auf mich und achte auf Signale die mein Körper mir sendet.”

Louisa

Carl Dohmann treibt einen olympischen Sport, der zur Leichtathletik gehört, sich aber abseits der Stadien in denen die meisten anderen Disziplinen stattfinden abläuft. Mit seinen Regeln, die den Sport stark vom Laufen trennen, ist Gehen eine Disziplin für sich, in der Carl schon bei zahlreichen Wettbewerben angetreten ist und wichtige Erfahrungen für sich sammeln konnte. Mit Blick darauf, dass diese speziellen Regeln vielleicht nicht jedem bekannt sind, hat Carl uns im Interview darüber aufgeklärt, was das Gehen ausmacht.

“Die Schrittfrequenz ist eigentlich genau gleich wie beim Laufen. Man muss immer einen Fuß auf dem Boden haben und in dem Moment, in dem man mit dem Fuß aufsetzt, muss das Knie durchgestreckt sein. Die Beinregeln führen dazu, dass man den Schritt nicht so lang ziehen kann wie beim Laufen, aber die Frequenz ist die gleiche, also ist es trotzdem immer noch ziemlich schnell.”
“Es gibt Kampfrichter, die die Beinregeln mit bloßem Auge beurteilen. Besonders bei den 20 Kilometern, wo es wirklich schnell wird, sieht man, wenn man die Zeitlupe heranzieht, dass die Athleten manchmal ein bisschen in der Luft sind, aber immer nur ganz kurz, sodass man es mit dem bloßen Auge nicht erkennen kann und dann ist es noch Regelkonform.”

Das wirkt auf den ersten Blick natürlich etwas schwierig, besonders wenn man die oft sehr detaillierten Aufnahmen gewöhnt ist, die in vielen Sportarten festlegen, ob eine Technik regelkonform ist, ob ein Tor gilt, oder wer als Erstes über eine Ziellinie gekommen ist. Es ist allerdings auch nicht so, als würden die Regeln im Gehen einfach ignoriert werden, wie Carl uns versichert. Die Richter müssen zuweilen schon eingreifen und folgen dabei einem ausgearbeiteten Straf- und Verwarnungssystem.

“Wenn es in den letzten Runden bei der 20 Kilometer Distanz um jede Sekunde geht, kommt es manchmal dazu, dass einzelne die Regeln überschreiten. Da kommen dann immer wieder Verwarnungen. Auch über 50 Kilometer kommt das über den ganzen Wettkampf hinweg immer wieder vor, dort hauptsächlich wegen fehlender Kniestreckung. Es gibt fünf bis acht Kampfrichter, deshalb dürfen die Runden bei uns auch nicht so lang sein. Selbst eine Gesamtstrecke von 50 Kilometern wird auf maximal 2 Kilometer langen Runden ausgetragen, damit die Kampfrichter einen permanent sehen. Wenn ein Kampfrichter sieht, dass jemand grundsätzlich gegen die Regeln verstößt, nicht nur einen Schritt, sondern grundsätzlich, spricht er erstmal eine Ermahnung aus, indem er eine gelbe Karte zeigt. Wenn es nicht besser wird, kommt ein Disqualifikationsantrag, also eine rote Karte quasi. Wenn drei verschiedene Kampfrichter eine rote Karte gezeigt haben, wird man disqualifiziert oder muss nach den neuen Regeln eine gewisse Zeit in eine Strafbox bevor man weitergehen darf. Dann wird man erst beim vierten Mal disqualifiziert.”

Natürlich kann es manchmal auf jede Sekunde ankommen und so wird in knappen Wettkämpfen häufig der maximale Spielraum ausgereizt zwischen der richtigen Technik und der maximalen Geschwindigkeit. Die richtige Technik ist dabei wie in fast allen Sportarten der Schlüssel zum Erfolg. Die Technik lag Carl bereits in seinen Anfängen in der Leichtathletik. 

“Ich bin zum SCL Heel Baden-Baden gegangen als ich elf war. Bei dem Leichtathletikverein war bereits meine Schwester und als ich sie vom Training abgeholt habe, hat mich die Trainerin damals überredet, auch mal mitzumachen. Wir haben alle Disziplinen ausprobiert, die es in der Leichtathletik so gibt. Weil meine Trainerin auch selbst Geherin war haben wir eben das Gehen auch probiert. Das konnte ich am besten, auch von der Technik her lag mir das wirklich gut. Besser als die Technik vom Laufen beispielsweise. Es hat sich dann ergeben, dass meine Trainerin damals schon Kontakt zu meinem jetzigen Trainer hatte. Daher hatte ich einfach immer die Förderer in dieser Disziplin. Dann kam eins zum anderen und ich bin am Gehen hängen geblieben.”

Trotz diesem gut geförderten Anfang, brauchte Carl eine Weile, um so richtig beim erfolgreichen Gehen anzukommen. Sein eigener Trainingsfleiß brachte ihn letztendlich immer weiter nach vorne. 

“Ich habe erstmal angefangen als Talent, eher als Anhängsel, bin in manchen Wettkämpfen auch mal letzter geworden. Meine erste Trainerin, Ulrike Sander, und dann auch mein heutiger Trainer, Robert Ihly, haben mich eigentlich die ganze Zeit gefördert, auch wenn sie selber im Nachhinein gesagt haben, dass sie zu Beginn nicht so wirklich wussten, wo mein Weg einmal hinführen würde. So hat es sich aber ergeben, dass ich immer ein wenig mehr trainiert habe, von Jahr zu Jahr. Ab 2005 ungefähr, habe ich nur noch den Fokus auf das Gehen gelegt. Meinen ersten internationalen Einsatz hatte ich 2009, da wurde ich bei der U20 EM Vierter. Aber das hat sich alles nach und nach ergeben. Ich habe ganz hinten angefangen und dann ging es in kleinen Schritten immer weiter.”
Foto: Bernd Hefter

Letztes Jahr erreichte Carl in der WM in Doha den siebten Platz. In Qatar sind die Temperaturen geradezu unmenschlich, ein Problem, das auch im Bezug auf die kommende Fußball-WM schon zur Sprache kam. Gerade ein Ausdauersport wie Gehen scheint schier unmöglich über eine Distanz von 50 Kilometern bei solchen Temperaturen. 

“Das war schon eine Grenzerfahrung. Hitzewettkämpfe haben wir schon öfter mal, aber nicht so etwas. Der Wettkampf fand extra in der Nacht statt, aber auch dann hatte es noch über 30 Grad und zusätzlich eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit. Man hatte echt Probleme zu atmen, auch wenn man sich nur ganz leicht bewegt hat.”
”Wir haben im Grunde versucht uns normal auf den Wettkampf vorzubereiten, ich habe einfach viel trainiert. Klingt einfach, aber ich habe nicht versucht das Rad neu zu erfinden. Natürlich habe ich auch bei 30 Grad trainiert, wir haben ein Trainingslager in Südafrika gemacht, aber um mit der Luftfeuchtigkeit klarzukommen habe ich kein spezifisches Training gemacht. Manche haben das gemacht, haben eine Hitzekammer gebaut und dort auf dem Laufband trainiert. Aber das hält man nicht so lange durch und wenn man kaputt in den Wettkampf geht, ist das auch nicht der Sinn der Sache.”
”Während dem Wettkampf hatten wir dann spezielle Hütchen, in die man im Nacken in eine Art Stoffbeutel Eis rein machen konnte. Ansonsten hat man sich permanent kaltes Wasser übergeschüttet. Letzten Endes hat man sich nicht so richtig anpassen können, man musste seine Strategie finden, wie man mit der Luftfeuchtigkeit und der Hitze klarkommt. Unsere Trainer haben uns auch im Voraus gesagt: ‘Das Hauptziel wird sein, ins Ziel zu kommen.’ Damit wird man auch schon zu den Gewinnern gehören, weil viele nicht ins Ziel kommen werden. Und so war es dann auch.”

Die Platzierung von Carl Dohmann in Doha steht im Kontrast zu dem Verlauf seiner ersten Olympischen Spiele einige Jahre zuvor. Während er 2019 bei der Weltmeisterschaft, wo es viele aufgrund der extremen Umstände nicht in Ziel schafften, unter die besten zehn kam, gelang es ihm bei den olympischen Spielen 2016 in Rio, tragischerweise selbst nicht, ins Ziel zu kommen. Er beschreibt diesen Moment im Nachhinein jedoch als wichtige Lernerfahrung.

“Im Grunde kann man sagen, dass ich in Doha besser gemacht habe, was ich in Rio falsch gemacht habe, auch wenn man die Situation nicht ganz vergleichen kann. In Rio war es auch heiß und schwül, aber natürlich nicht annähernd so schlimm wie in Doha. Dazu kam damals aber, dass es die olympischen Spiele ware. Ich hatte auch an mich selbst zu hohe Erwartungen. Und klar, wenn es dann im Wettkampf nicht so gut läuft, oder der Plan nicht ganz aufgeht, den man sich vorher zurechtgelegt hatte, dann spielen natürlich die Gedanken mit. In Rio war es so, dass ich einfach die Nerven verloren habe und sich das sehr schnell auf meinen Körper übertragen hat. Ich konnte das Tempo nicht halten, bis ich dann gar nicht mehr weitergehen konnte.”
“Aus diesen Erfahrungen habe ich in jedem Fall gelernt. Ich mache mir keine harten Ziele in Bezug auf die Platzierung mehr. Ich konzentriere mich ganz auf mich und schaue immer auf die Signale die mein Körper mir sendet. Ich trage deshalb auch immer einen Pulsmesser. Daran mache ich in erster Linie mein Tempo fest. Die anderen Athleten versuche ich so gut es geht auszublenden.”
Foto: Bernd Hefter

Dieses Jahr war das Training schon im Gange für die nächsten Olympischen Spiele, eine Chance, dieses Mal die gewonnen Erfahrungen mit an den Start zu nehmen. Doch leider mussten die Spiele wegen der aktuellen Krise verschoben werden. Ob das Sportereignis schlechthin nächstes Jahr nun tatsächlich stattfindet ist noch nicht ganz sicher, doch Carl versucht sich deshalb nicht zu sehr aus der Ruhe bringen zu lassen.

“Die Olympischen Spiele sind schon das große Ziel. Ich will natürlich gerne bei meinen zweiten Spielen erfolgreich sein. Beim ersten Mal war ich dabei, beim zweiten Mal will ich es besser machen. Wie in Doha zum Beispiel. Es wäre natürlich schön, wenn Tokyo nächstes Jahr stattfinden könnte. Aber so oder so, ich trau mir zu, dass ich noch ein paar Jahre auf dem Niveau weitermachen kann. Falls die Spiele nächstes Jahr nicht stattfinden können, würde ich versuchen, Richtung Paris 2024 noch auf dem Niveau zu bleiben, oder mich zu verbessern. Aber im Moment muss man erstmal alles abwarten.”

Doch Carl tut mehr als nur abwarten. Aktuell ist der tatsächliche Wettbewerb aufgrund der gesundheitlichen Restriktionen natürlich nicht möglich, doch das heißt nicht, dass für den Sport nichts getan werden kann. So kam Carl dazu, einen Blog über seinen nicht so stark in der Öffentlichkeit stehenden Sport zu schreiben, der inzwischen ganz ordentlich Beliebtheit gefunden hat.

“Vorher wäre ich nie auf die Idee gekommen. Wir waren im März noch im Trainingslager in Südafrika und sind direkt vor dem Lockdown zurückgekommen, es wurden alle Wettkämpfe abgesagt und so weiter. Dann wurden die olympischen Spiele verschoben. Mir ging es zwar insgesamt ganz gut, trotzdem bin ich wie viele andere auch in ein gewisses Loch gefallen. Da fehlt einfach etwas worauf man hinarbeitet. Im April ist mir aufgefallen, dass im Internet viel über Home-Training geschrieben wird und eine große Nachfrage besteht. So ist mir dann irgendwie die Idee gekommen, über das Gehen, aber auch meine Erfahrungen die ich in den ganzen Jahren gemacht habe zu schreiben.”

In persönlichen Berichten hat Carl auf seinem Blog darüber gesprochen, wie er seinen Sport praktiziert, wie er diese schwierige Zeit nutzt, um Fit zu bleiben, und was er anderen empfehlen kann.

“Ich hab vier Themenwochen im Mai gemacht. Jede Woche ein anderes Thema von Outdoor-Training, zu Psyche, Ernährung und Home-Training. Da hab ich nach und nach meine Internetseite, die ich schon lange habe, aber immer vernachlässigt hatte, wieder ein bisschen mit Leben gefüllt. So habe ich alles ein wenig aktualisiert und dann auch über die Sozialen Medien gestartet das Gehen ein wenig präsenter zu machen und von mir als Sportler auch ein wenig zu zeigen was da alles dahintersteckt.”

So liegt es Carl Dohmann am Herzen seinen Sport in Deutschland, auch über die Grenzen der wenigen Stützpunkte hinweg etwas populärer zu machen. Die Möglichkeit sich über das Internet auszutauschen ist nicht zu unterschätzen, besonders in Zeiten wie diesen. Und ganz besonders, wenn es hilft, nebenher noch journalistische Erfahrungen zu sammeln, ein Feld an dem Carl Interesse hat und in dem er nach dem Sport gerne einen Platz finden möchte. Mit zwei Studiengängen, die er neben seiner Zeit im Gehen abgeschlossen hat, wünschen wir ihm dabei nur das beste, auch wenn er dem Sport bestimmt noch einige Jahre erfolgreich erhalten bleiben wird.

Wenn ihr noch mehr Einblicke zu Carl und seinem Sport haben wollt und seine Blogbeiträge lesen wollt schaut mal auf seiner Website vorbei www.carl-dohmann.de

Fptp